16.10.17

Her mit der Dunkelheit



Und so neigt sich nun das Jahr dem Ende zu. Es ist ein intensives Jahr voller neuer Erfahrungen gewesen, die mich seelisch und körperlich erschöpft haben. Als ich letzte Woche von einer ungeplanten Deutschlandreise nach einem Notfall in der Familie zurück nach Kanada flog, starrte ich auf die weiße Leere der Grönlandeiskappe, auf Bylot und Baffin Island, und die abweisende Schönheit der Barrens hinunter, die sich unter dem Flugzeug ausbreitete. Eine solch unberührte Landschaft spendet eine seltsame Art von Trost; vielleicht das Versprechen, dass das Land immer da sein wird, egal was passiert.

Als ich schließlich mit mehr als 500 Kilo Lebensmitteln und Versorgungsgütern daheim ankam und das Buschflugzeug über den See verschwand, drang die Stille in mich ein. Wildnis ist meistens ein sehr stiller Ort. Es fühlt sich an, als ob sie mich wieder aufbiegt und aufrichtet, die ganzen Sinne belebt, die ich in der Zivilisation automatisch abblocke.

Chris ist für die nächsten Monate auf Reisen, nachdem er hier ja Eremit gespielt hat, während ich mich um die verwaisten Schwarzbärchen gekümmert habe. Nur der Hund und ich bevölkern jetzt unser einsames, wildes Reich. Ich beginne, den Tagen ihre altbekannte Form zu geben: vom See Wasse hoch zu schleppen, Holz zu hacken, lange Spaziergänge zu machen, nach Fährten zu suchen, zu lesen, zu schreiben. Die Außenwelt bin ich noch immer müde. Nur her mit der Dunkelheit, der Winter soll kommen.  

8.9.17

Es summt und brummt

... unaufhörlich. Ganze Geschwader von Wespen und Hornissen sind im Wald und vor unserer Cabin auf Beutezug. Sie selbst werden jedoch auch zur Beute: Auf jedem Spaziergang finden wir immer wieder zahllose Erdnester, die aufgegraben worden sind.
Von Bären können sie doch wohl nicht alle zerstört worden sein? Wobei sich allerdings bei den meisten zerfledderten Nestreste, die an Bäumen hängen, eine Bärenkratzspur am Stamm finden lässt:
Das Gesumme im Wald errzählt nur ein Kapitel einer komplexen Geschichte. Die Pappeln, Weiden und sogar auch die Soapberry-Büsche in unserer Gegend sind diesen Sommer von einer Blattlaus- und Blattkäferplage befallen.
Das gesamte Unterholz im Laubwald ist klebrig von Honigtau, der süsslichen Flüssigkeit, die Blattläuse absondern, wenn sie den Blättern den Saft aussaugen, und klebt an unseren Händen, der Kleidung und am Hundefell wie Leim. Glänzend lackiert sehen die Weidenröschenblätter und das Gras aus, auf die das Zeug heruntertropft.

Da Hornissen und Wespen sich von Insekten ernähren, nehme ich an, dass ihre hohe Zahl diesen Sommer in direktem Zusammenhang mit der Blattlausglage steht. Die vielen Wespennester wiederum scheint mehr Bären, als wir normalerweise sehen, in die Gegend zu ziehen. Und das wiederum mag dazu geführt haben, dass sich Elchkühe mit Kälbern kaum blicken lassen. Vielleicht haben die insektenbefallenen Blätter auch einen andern Geschmack oder weniger Nährwert, sodass die Elche sich in andere Gegenden ohne Blattlausplage aufgemacht haben? Was auch der Grund sein mag - wir sehen kaum Elche, nicht einmal Spuren, was sehr ungewöhnlich ist.

Die Wespen haben uns sogar aus unserem Plumpsklo vertrieben. Ich nehme an, dass sie in der Grube Fliegen jagen. Es ist jedenfalls zu nervenzerreißend, den bloßen Hintern über die Wespenschwärme in der Grube zu senken - wir haben uns ein temporäres Eimerklo in den Holzschuppen gestellt.

Der Herbst haucht den Bäumen, die sich wohl darauf freuen müssen, endlich ihre armen, ausgelutschten Blätter abwerfen zu können, Farbe ein, und es ist Jagdzeit. Ob sich die Elche wieder zeigen werden? 

27.8.17

Ich bin auch wieder ausgewildert

Inzwischen bin auch ich wieder ausgewildert und daheim angekommen. Nach den zehn Monaten in der Zivilisation kann ich nun gar nicht genug bekommen von der Wildnis, dem menschenleeren Norden und dem Lotterleben als Waldschrat.

Wandern im Chilkat Pass (Tatshenshini-Alsek Park)
Der Chilkat Pass an der Straße nach Haines, Alaska, hatte es mir im letzten Jahr so angetan, dass ich meine Rückkehr in den Norden unbedingt mit einer Wanderung zum Samuel Glacier feiern wollte. Chris war leicht zu überreden.
  Abgesehen von den Abermillionen Mücken, Fliegen und sonstigen Fluginsekten war es ein absoluter Traum.
Unser Camp verliert sich in der Größe der Landschaft:
Urgewaltige Berglandschaft, Gletscher und alpine Wildblumen ... die einzigen Tiere, die sich sehen ließen, waren Erdhörnchen und Murmeltiere.
Nach einem schönen Wiedersehen mit Freunden in Atlin habe ich mir einen Schlenker über den See gegönnt.
Am ersten Morgen schwamm ein Karibu direkt an meinem Camp vorbei:
Nachdem ich fast 20 Jahre mit einem uralten, schweren Paddel Kajak gefahren bin, habe ich mir nun ein federleichtes mit gebogenem Schaft gegönnt, das für alternde Arme leichter zu handhaben ist. Schick :)
Eine Woche daheim, und dann haben wir uns mit unserem Faltboot zu einem See bei uns "um die Ecke" aufgemacht.
Um an unser Ziel zu gelangen, galt es, zwei kleinere Seen zu überqueren ...
... und drei Portagen zu bewältigen:
Der Hund hat es natürlich wieder am besten, lässt sich von seinen Menschen durch die Gegend schippern und muss selbst auf den Portagen nichts tragen.
Der angepeilte See zeichnet sich durch viele kleine Inseln und türkises, grünes und auch normal blaues Wasser aus:
Ich hatte ja auf ein, zwei Elche gehofft, aber es blieb bei den Überresten eines Elchbullen, den vermutlich letzten Winter die Wölfe erlegt haben:
Als das Wetter umschlug, haben wir uns wieder auf den Weg nach Hause gemacht.











1.8.17

Der Abschied



Wie kann ich mich von den Tieren, die ich fast zehn Monate lang gelebt, geatmet und geträumt habe, verabschieden? Es ist eine so intensive, überwältigende und herzzerreißende Zeit gewesen, dass ich mir fast vorkomme, als hätten mich die kleinen Waisen aufgefressen und wieder ausgespuckt. Noch nie habe ich so viel bei der Arbeit geweint – Tränen der Traurigkeit, Freudestränen, Tränen der Erschöpfung und aus Frust. Am schlimmsten war es, wenn auch die Tiere geheult haben: Bärenjunge, Elch- und Hirschkälber, die nach ihrer Mutter geschrien haben; kranke Tiere, die vor Schmerzen geheult haben. 

Bei jedem kleinen Waisen, der zu uns kam, habe ich mir gewünscht, es gäbe einen Weg, die Mutter wissen zu lassen, dass ihr Kind nun in Sicherheit ist, dass wir unser Bestes geben, um gute Ziehmütter zu sein, und dass wir ihr Kleines liebhaben. Man wünscht sich viele unmögliche Dinge, wenn man sich um verwaiste Wildtiere kümmert.

Etwas war allerdings besser als alles, was ich mir hätte wünschen können: meine Co-Volontäre Ludmila und Brooke. Wir sind so ein tolles Team gewesen. Irgendwie hat es sich als Stärke erwiesen, dass wir alle grundverschieden und unterschiedlichsten Alters waren. In unserer freiwilligen-Helfer-Welt, die sich hauptsächlich um das Aussortieren von verdorbenem Obst und Gemüse, der Konsistenz von Tierkacke und der Reinigung der Futterküche drehte, haben wir angefangen, die lustige Seite von völlig unwitzigen Dingen zu sehen. Wir haben den Küchenboden nicht nur geschrubbt, sondern ihn in einem täglichen Ritual mit Reinigungsmittel gesegnet (ah, der herrliche chemische Lavendelgeruch!). Die nervigen Gummibänder und Drahtbänder von ganzen Kisten schleimiger Radieschenbündel abzumachen wurde bei uns zum Auspacken der Geschenke unseres Königinnenreichs, der Agrarfirma, die die Radieschen anbaut.


Wie oft ist es das Tränenlachen mit Ludi und Brooke in Momenten totaler Albernheit gewesen, das mich bei dem Stress, den die Tierpflege mit sich bringen kann, bei der Stange und geistiger Gesundheit hielt. Auch wenn die Arbeit zeitweise kaum zu bewältigen schien – immer hat eine von uns den Kriegsschrei „Okay, los, wir schaffen das!“ ausgestoßen.

Und wir haben es auch geschafft. Sei es, den betäubten Bären Haare für DNA-Proben auszuzupfen (Ludis Spezialität), Tatzenabdrücke zu nehmen (niemand kann es besser als Brooke), mülltonnenweise Kompost wegzubringen, den vereisten Zufahrtsweg zu streuen, indem wir die Sandkübel als Rollator benutzten, Baumstämme und Äste heranzuschleifen, und so weiter und so fort. Wir sind füreinander genauso dagewesen wie für unsere Tiere.

Wilden Tieren zu helfen reißt einen aus seiner Komfortzone heraus, stößt einen an seine Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Ich bin zum Northern Lights Wildlife Shelter gekommen, weil ich mehr über das Verhalten von Bären und Wildtiere im Allgemeinen lernen wollte, und um zu helfen, verwaisten Tieren eine zweite Chance zu geben. Ich höre hier mit unvergesslichen Erinnerungen an meine Tiere auf. Ich bin dankbar, an so vielen einschneidenden Momenten in ihren Leben teilgenommen zu haben dürfen. Am beeindruckendsten war zu sehen, wie diese Tiere zum Teil furchtbare Erlebnisse und Verletzungen überstanden haben und wieder Freude am Leben zeigten.

Bei allen Tieren ist das Auswildern das Ziel, sobald sie gesund und alt genug sind, um alleine zu überleben. Mir fällt es schwer, die freizulassen, die ich so liebgewonnen habe; es ist, als würde ich lauter Teile meines Herzens herausreißen und davontreiben lassen. Aber gleichzeitig liegt darin auch etwas Schönes, denn es fühlt sich an, als sei ich nun Teil von etwas Größeren geworden. 

Ich bin froh, dass ich diese Erfahrungen machen konnte, und bin glücklich, dass ich sie mit zwei so tollen Menschen teilen konnte. Danke, Brooke und Ludmila, für die vielen Lacher, dafür, dass ihr meinem endlosen Geschwafel über meine Lieblingsbären zugehört habt, und danke, dass ihr mir meinen Schlaf gelassen habt. Ihr seid die Besten.

15.7.17

Joggen mit Elchen



“Ich hab an meinen Füßen keine Saugnippel!”, entfährt es mir, als das hungrige Hirschkalb mir die Stirn gegen das Fußgelenk stößt. Sie lutscht an den Schuhüberzügen, die ich zum Schutz trage, kniet sich hin und stößt mir wieder gegen das Fußgelenk. Warum, um Himmels Willen, sucht sie da unten nach Milch?

Ich halte ihr erneut die Flasche hin, die sie zugunsten meiner Fußgelenke hat sausen lassen. Ihr Ziehbruder saugt ekstatisch an der Flasche in meiner andern Hand. Die Kleine hat anscheinend kein Interesse an, auszutrinken. Ein paar Mal noch stößt sie mit der Nase an die Überschuhe, und dann schlendert sie zum Zaun, wo die sechs Elchkälber bereits penetrant nach uns und den Milchflaschen rufen. Die morgendliche Rush Hour bei Starbucks ist nichts dagegen.  

In letzter Zeit habe ich meiner Co-Volontärin Brooke immer mal wieder bei der Hirsch- und Elchkalbfütterung geholfen. Besonders Elche sind schwierig aufzuziehen, da sie sehr anfällig für Krankheiten sind, leicht Durchfall bekommen und einen ziemlich eklektischen Nahrungsbedarf haben – sie fressen eine sehr große Vielzahl von verschiedenen Pflanzen. Für die Hirsch- und Elchkalbfütterung müssen wir uns immer saubere Overalls, Handschuhe und Überschuhe anziehen, damit wir nicht aus Versehen gefährliche Bakterien ins Gehege bringen. 

Das männliche Hirschkalb, das seine langen Wimpern ganz andächtig über die graublauen Augen gesenkt hat, ist fast mit seiner Flasche fertig. Um den Stuhlgang anzuregen, kratze ich ihn über und neben seinem zuckenden Schwänzchen, und tatsächlich: Sekunden später fallen Hirschköttel auf den Boden.

Nachdem wir die drei kleinen Hirsche gefüttert haben, gehen Brooke und ich ins Elchgehege. Das ist leichter geschrieben als getan, das sich alle sechs Kälber an uns drängen und sich gegenseitig schubsen. Schnell schnappe ich mir über dem Gewirr aus dürren Elchbeinen und samtenen Nasen mit langen Schnurrhaaren zwei Flaschen und schiebe den nächstbesten Elchkälbern die Nippel ins Maul. Die sanften braunen Augen verlieren den hungrigen Ausdruck und konzentrieren sich nach innen. Im Nu sind die Flaschen leer. Die beiden Elche sind wie ganz andere Tiere, drehen sich mit einem fast gelangweilten Ausdruck im Gesicht von mir weg. Sie stehen herum, als wüssten sie nicht, was sie nun mit gesättigtem Bauch tun sollen. Eins der beiden faltet die langen Vorderbeine zusammen und legt sich hin. Brooke ist inzwischen ein alter Profi darin, Elche zum Aufstehen zu bewegen – denn um die Milch gut verdauen zu können, sollten sich Hirsch- und Elchkälber direkt nach dem Trinken nicht hinlegen.  


Brooke schubst und zerrt an dem Kalb herum. „Hoch, na komm schon.“ Widerstrebend streckt das Kalb sein Hinterteil in die Höhe und stößt sich auf die so unproportional langen Beine hoch. „Lass uns eine Runde mit ihnen gehen.“ Die Kälber bleiben stehen und starren uns hinterher, als wir von ihnen weggehen und ihnen zurufen. 

Ich fange an zu rennen, kicke die Beine so hoch wie ich kann in meiner schäbigen Imitation eines laufenden Elchs. „Na los, kommt schon!“ Eins der Kälber geht ein paar Schritte, woraufhin die andern fünf sich auch in Bewegung setzen, Jetzt folgen sie mir alle.

In meinem Overall und meinen hellblauen Überschuhen springe ich durchs hohe Gras und die Büsche; donnernde Hufe im Gefolge. Quer durch das Gestrüpp geht es jetzt, auf die hohen Tannen zu. Ich halte an und drehe mich um. Sofort bleiben die Elchkälber stehen und starren mich an. Ich fange wieder an zu laufen und sie auch, immer mir hinterher quer durch das Gehege, bis wir wieder am Ausgangsort angekommen sind. 

Während Brooke und ich frische Weidenzweige am Zaun befestigen, beginnen die Kälber, das Obst zu beschnüffeln, das sie als Teil ihrer Ernährung bekommen. Kevin Costner mag wohl mit Wölfen getanzt haben, fällt mir ein – aber das kann nicht so viel Spaß gemacht haben wie mit Elchen zu laufen.