19.4.17

Osterferien

Ich habe wohl ganz ungeplant recht lange Osterferien gemacht, was meinen Blog angeht ... Zu meiner Entschuldigung kann ich vorbringen, dass ich wild daran gearbeitet habe, meine Übersetzung von Rober McCammons wunderbarem Histo-Krimi "Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal - Band 2" fertigzustellen, und nun sind auch alle 45 Bären wach und aktiv. Und mein Freund ist für drei Wochen zu Besuch gekommen. 

Ich konnte mir ein paar Tage freinehmen. Wir sind im Babine Provoncial Park, gleich hinter dem Shelter, wandern gewesen und ins Silver King Basin hochgelaufen. Der Trail zum Silver King ist eher langweilig, da es sich im eine alte Bergbaustraße handelt und die Aussicht sich größtenteils auf Bäume beschränkt. Aber wenn man erst mal oben angekommen ist, erwartet einen ein herrlicher Talkessel (und eine gemütliche Berghütte, in der man für $10.- die Nacht bleiben kann).


Ja, und ansonsten ... wie  gesagt, alle 45 Bären sind wach.


Neugeborene Tierwaisen haben wir bisher noch nicht hereingekommen. Ich will zusehen, dass ich jetzt alle paar Tage einen Beitrag über die Ereignisse seit ... äh ... Februar einstelle, bis der Blog wieder auf dem aktuellen Stand angekommen ist. Euch allen einen frohen Frühling!


8.3.17

Kleiner Bär, großes Herz


Co-Volontärin Brooke und Berbere im Oktober

Ich glaube, unsere vierzehn Monate alten Bärchen sind ins bärige Teenageralter gekommen. Die Stimmung ändert sich andauernd und alle erproben ihre körperlichen und mentalen Muskeln. Das fällt bei keinem Bären stärker auf als bei Berbere, der sich anscheinend verliebt hat. Er ist im Oktober hergekommen, ein nur 19 Pfund wiegendes, nervöses Minibärchen. In den letzten Wochen ist aus dem kleinen Mr. Schüchtern-und-Ängstlich ein immer noch kleiner, aber sehr extrovertierter Mr. Loverboy geworden. Er ist wie ein völlig anderer Bär. Und das liegt anscheinend hauptsächlich an einem andern Jungbären. 

Vor kurzem haben wir Mimosa, die Bärin, die mir gezeigt hat, warum man sich über einen Scheinangriff freuen kann, in das Gehege umverlegt, in dem Berbere mit elf andern Bärchen lebt, die auch alle zu dünn für den Winterschlaf sind. War es Mimosas hübsches Gesicht oder ihr elegantes Benehmen? Irgendetwas an ihr hat irgendetwas an ihm in Bewegung gesetzt, und zwar buchstäblich. Berbere, der nicht zu den athletischsten Bären gehört, sprintet auf einmal mit Begeisterung ständig durchs Gehege und hechtet auf die Kletterbäume (nicht immer erfolgreich – manchmal verschätzt er sich und plumpst zu Boden). Vorderbeine und die Brust an den Baum gepresst, robbt er so schnell und weit daran hoch wie er kann und wirft dann den Kopf ins Genick, um zu gucken, ob Mimosa ihn bemerkt hat. Das hat sie meistens, aber ihren verblüfften Blicken nach zu urteilen, nicht unbedingt auf eine positive Weise.   
Die wunderschöne Mimosa

Berbere - kleiner Bär, großes Herz
Bis jetzt macht sich Berbere noch nichts aus den fehlenden Resultaten. Er geht mit angeberischem Hüftschwung und nähert sich Mimosa immer wieder, die das weder lustig noch angenehm findet. Aber er kann es einfach nicht bleiben lassen. Andauernd späht er hinter einem Baum in ihrer Nähe hervor, winkt ihr von oben auf der Kletterplattform mit der Pranke zu, und arbeitet sich so nah an sie heran, wie er sich traut. Alles zwecklos.

Angesichts der Tatsache, dass Berbere seine ersten drei Monate im Northern Lights Wildlife Shelter hauptsächlich in seiner sicheren Schlafhöhle verbracht hat, ist das eine monumentale Entwicklung. Es war immer eine große Aktion gewesen, ihm aus seiner Höhle zu scheuchen, damit ich darin saubermachen konnte. Weil er so winzig und unterernährt war, hat er einen Monat länger als üblich in Quarantäne verbracht. So musste er nicht mit andern Bären um das Futter konkurrieren und konnte zunehmen. Als wir ihn zu den andern Bären umsiedelten, wollte er seine neue Schlafhöhle überhaupt nicht mehr verlassen. Wochenlang traute er sich nicht, seine (vorerst noch von den andern Bären abgetrennte) neue Umgebung zu erforschen. Ich bin fast verzweifelt. Wie soll er denn jemals in der Wildnis überleben, wenn er nicht den Mut findet, sich von seinem sicheren Platz fortzubewegen? Er hat von der Sicherheit seiner Höhle nach den andern Bären gewittert, er hat hastig sein Futter hineingezerrt und keine Minute außerhalb der Höhle verbringen wollen. Er dachte, das ist die einzige Sicherheit, die er auf dieser Welt hat. 

Hätte er nicht seine Mutter verloren, würde sie ihm immer noch die Sicherheit geben, nach der er sich so sehnte. Das ist wohl eine der großen Schwierigkeiten für alle verwaisten Wildtiere: Sie haben keine Mutter mehr, auf die sie sich verlassen können, und müssen irgendwie in sich selbst die Stärke finden, sich sicher zu fühlen – viel früher im Leben, als sie es normalerweise müssten.

Berbere hat das schließlich geschafft. Eines Tages haben wir ihn endlich ein paar Meter von seiner Höhle entfernt gesehen, wie er ungelenk am Kletterbaum herumhangelte. Tage später hat er sich dann getraut, auch in das größere Gehege hinauszugehen, wo sich die meisten der andern Bären aufhalten. Als er merkte, dass ihm nichts Böses geschieht, hat er immer mehr Vertrauen in sich gefasst. Mir scheint, dass er mit diesem neuesten Wagnis an Selbstvertrauen endlich zu dem Bären aufblüht, der er eigentlich ist. Es ist ein Geschenk, das mit beobachten zu dürfen.  

3.3.17

Mit vollem Magen verhungern



“Rain” sieht aus wie ein Geisterelch. Die inzwischen vierjährige Elchkuh, die als kleine Waisin ins Northern Lights Wildlife Shelter kam, sieht jetzt wie ein Skelett mit Fell aus: Ihre Hüftknochen stechen über tiefen Kuhlen heraus, die eigentlich voller Muskeln und Fleisch sein sollten. Man kann ihre Rippen mühelos zählen. Ihre Hinterläufe sind dürr, die massiven Muskeln verschwunden.

Sie hat nicht immer so ausgesehen. NLWS hat sie als junges Kalb aufgenommen und gesund in die Freiheit entlassen, wo es ihr gut ging. Rain hat mindestens ein Kalb bekommen. Erst als sie letzten August wieder beim Wildlife Shelter auftauchte und in der Gegend blieb, fiel auf, dass mit ihr etwas nicht stimmte: dünner Durchfall klebte ihr an den Hinterläufen, und sie sah etwas dünn aus. Rain begann dann, in beängstigender Geschwindigkeit Gewicht zu verlieren und triefte überall, wo sie ging, Durchfall.

Ich erwartete fast, sie eines Tages tot umfallen zu sehen. Aber statt ihr wurde Belle, eine andere Elchkuh, die auch als Kalb hier aufgezogen wurde, sterbend auf einer benachbarten Farm gefunden. Sie hatte letzten Sommer ein Kalb zur Welt gebracht, das gesund aussah, und auch wenn Belle breiigen Durchfall hatte und etwas dünn war, kam sie Rains verhungertem Zustand doch nicht nahe. Trotzdem war es Belle, die starb.

Der Tierarzt wurde gerufen, um eine Autopsie vorzunehmen. Außer, dass das Tier Anzeichen der Hungersnot zeigte, konnte er keinerlei Abnormitäten finden. Ihr Magen und ihr Darm waren aber voll. Beim Öffnen des Magens zeigte sich, dass der mit einer gelblich-grünen, suppigen Masse gefüllt war. Die Organe und ein Teil des Mageninhalts wurden ins Labor geschickt, aber es kamen keine klaren Resultate dabei heraus. Ohne feste Beweise dafür, wie ein Elch mit vollem Magen verhungern kann, lässt sich der Grund nur aus einzelnen Hinweisen zusammensetzen. Heu scheint das Hauptproblem zu sein.

Die Gegend hier ist voller Felder, und im Winter kann man oft Hirsche und Elche beobachten, die sich an Heuballen gütlich tun. Heu ist zwar ein gutes Futtermittel für Kühe und Pferde, kann für Hirsche aber tödlich sein, wenn es auf lange Zeit in großen Mengen gefressen wird – und wenn das Tier geschwächt oder kränklich ist.

Widerkäuer wie Hirsche und Elche brauchen Wochen, um ihre Verdauung an Futter anzupassen, das sich von der natürlichen Nahrung unterscheidet. Daher können sie Heu nicht richtig verdauen und nicht genügend Kalorien und Nährstoffe daraus aufnehmen, die sie brauchen, um bei Kräften zu bleiben oder gesund zu werden – und so können sie mit vollem Magen verhungern. Was Hirsche betrifft, ist das bereits seit Jahrzehnten bekannt und erforscht.

An Elchen ist dies wesentlich weniger erforscht. Das Alaskan Moose Research Centre in Soldotna hat Anfang der 1990er Jahre eine Studie über den Effekt durchgeführt, den Heu als Futter auf Elche hat. Es wurde herausgefunden, dass ausgewachsene Elche, die nur mit Heu gefüttert wurden, im Laufe von elf Wochen im Durchschnitt 53kg Gewicht verloren. Kälber verloren zwar nicht an Körpermasse, hatten am Ende der Studie aber keinerlei Fett mehr am Rumpf, wodurch sie Gefahr zu verhungern liefen. Für Tiere, die bereits eine angeschlagene Gesundheit haben, kann das ein Todesurteil sein.

Die Studien weisen darauf hin, dass für Hirsche und Elche erreichbar gelassenes Heu potentiell tödliche Konsequenzen für die Tiere haben kann. Möglicherweise liegt hier ein Grund für die sinkende Anzahl von Elchen in Gegenden, wo Felder und Wald aneinandergrenzen. Das Northern Lights Wildlife Shelter hofft zu beobachten, ob Rain den Winter überlebt, und welchen Einfluss das Fressen von Heu auf die Gesundheit der im Shelter aufgezogenen Elche und Hirsche hat, nachdem sie wieder ausgewildert wurden.

28.2.17

Die Bärenreise nach Jerusalem

Ende Februar 2017



Ich glaube, ich leide unter Elternparanoia. Nachts träume ich von meinen Bären, und beim Aufwachen gilt mein erster Gedanke Spruce, meinem bepelzten Problemkind: Ist er letzte Nacht wieder aus seiner Schlafhöhle rausgeschmissen worden oder hat er es geschafft, sie zu verteidigen? Die Bären spielen “Die Reise nach Jerusalem” mit den Schlafhöhlen, und Spruce ist begnadet im Verlieren. Er sieht entsprechend aus: traurig. Ich wünschte, er würde sich mit einem der andern zehn verwaisten Schwarzbären anfreunden, mit denen er sich das Gehege teilt.
Spruce

Doch die scheinen zu viel damit zu tun zu haben, andauernd in eine andere Schlafhöhle umzuziehen und Spruce aus seiner zu vertreiben. Noel, eine wütende kleine Bärin, die andauernd mit den andern Bären Streit sucht, scheint damit angefangen zu haben. In buckeliger Drohhaltung fing sie an, Spruce direkt vor seiner Höhle das Futter zu stehlen. Er hat zurückgedroht, mit den Lippen geschmatzt und gegrummelt, aber es hat nichts genützt. Er konnte sich nicht durchsetzen. Sie hat sein Futter gefressen und sich ein paar Tage später in seine Höhle gequetscht. Knurren und Fauchen drang heraus, und Noels flusiges Hinterteil verschwand und tauchte dann wieder im Eingang auf. Die ganze Höhle bebte vor Bärenwut, bis Spruce die um sich spuckende Noel endlich hinausstoßen konnte.  



In der Wildnis können Bären sich einfach einen andern Schlafplatz suchen oder außerhalb der Reichweite eines dominanteren Bären bewegen. Die vielen Interaktionen, die die verwaisten Bärchen hier im Northern Lights Wildlife Shelter mit andern Bären haben, unterscheiden sie in ihrem Aufwachsen von „wilden“ Bären. Aber da diese Jungbären keine Mutter mehr haben, die solche Konflikte für sie lösen kann, sind diese Kämpfe – die in diesem Alter noch ungefährlich sind – eine Chance für die Kleinen zu lernen, wie man auf sich aufpasst.   

Einen Nachteil gibt es allerdings. Die Überlebensrate von ausgewilderten Bären liegt etwas höher als die von wild aufgewachsenen. In menschlicher Obhut aufgezogene Bären fallen häufiger anderen Bären und Pumas zum Opfer – denn sie haben keine Gelegenheit gehabt zu lernen, sich davor in Acht zu nehmen.  

Ich bin mir nicht sicher, wie Spruces Überlebenschancen sind, wenn er im Juni in die Freiheit entlassen wird. Einen Tag, nach dem es ihm gelang, Noel aus seiner Schlafhöhle zu vertreiben, wird er von drei andern Bären rausgeworfen. Nachts fällt die Temperatur noch unter -20°C, und ich will nicht, dass er tagelang auf der Kletterplattform schlafen muss. Er ist zwar ein wildes Tier mit einem dicken Pelz, aber seine Möglichkeiten, eine gemütliche Schlafstelle zu finden, sind von den Zäunen des Geheges begrenzt.

Ich stelle ihm eine andere Schlafhöhle. Es ist gar nicht so schwer, einem Bären zu vermitteln, wo ich ihn gerne seine sichere Höhle etablieren sehen würde. Ich lege ihm Futter direkt vor den Höhleneingang, den er von der Kletterplattform aus sehen und riechen kann. Dann nehme ich ihm die Illusion, dass die Kletterplattform ein sicherer Platz für ihn ist: Ich scheuche ihn mit einer Harke hinunter – und er saust sofort in die Höhle, vor der das Futter liegt.

Damit ist es allerdings noch nicht getan: Andere Bären vertreiben ihn wieder daraus, und ich muss die Prozedur noch drei Mal wiederholen, bis er es endlich schafft, sich in der Höhle zu etablieren. Ich komme mir wie die Mutter eines schüchternen, introvertierten Kindes vor, das Extrahilfe im Leben braucht. Dieses kleine Bisschen kann ich für ihn tun, aber den Rest muss er selbst schaffen.