26.12.18

Sonnenwende, Jahresende


Unsere Gedanken wenden sich so langsam unserem Zuhause zu, und ich freue mich auf 2019 – ein Jahr voller Möglichkeiten! Es wird mal wieder ein kreatives Miteinander von Computer-Keyboard und Kettensäge geben. Schreiben und Bauen ist eine gute Kombination für mich, das eine macht den Kopf fürs andere frei und beansprucht unterschiedliche Muskeln. Der Ganzkörpermuskelkater wartet also schon! 

Meine verwaisten Wildtiere, um die ich mich im Northern Lights Wildlife Shelter gekümmert habe, spuken mir weiterhin im Kopf herum, und das mit Folgen. Meine zweite Bärengruppen, elf an der Zahl, ist diesen Sommer ausgewildert worden und schläft hoffentlich dickgefressen in British Columbias Wäldern. Meine ersten 13 halten nun schon die zweite Winterruhe in der Wildnis und ich frage mich immer wieder, wie viele von ihnen wohl noch am Leben sind. Und träume davon, wie toll es wäre, einem von ihnen im Wald zu begegnen … 
 
All die andern kleinen Waisen lassen mich ebenfalls nicht los, meine Gänse und Enten, der Rabe, die Eulen, Hirsch- und Elchkälber, die alle wieder frei in der Wildnis unterwegs sind. Es war ein so unwahrscheinliches Privileg, mitzuerleben, wie sie dem Tod von der Schippe sprangen und gesund wurden, die grenzenlose Angst verloren und wieder Spaß am Leben hatten. Ich werde in der Zukunft wieder in Wildtierauffangstationen als Freiwillige mithelfen und versuchen, etwas von der Freude und dem Glück zurückzugeben, das ich durch die Tiere zu Hause in der Wildnis immer wieder erlebe. Darauf freue ich mich, das brennt mir in der Seele. 

Euch Bloglesern wünsche ich ebenfalls ein gesundes, fröhliches und spannendes 2019, in dem ihr hoffentlich den einen oder andern Traum wahrwerden lassen könnt!

13.12.18

Wüste




Ich habe mich schon immer am meisten in karger, harscher Landschaft zu Hause gefühlt – hoch in den Bergen, weit im Norden – wo alles, das lebt, zäh und wild ist und das Spiel von Sonnenlicht auf den Bergen wie eine Droge wirkt. Die Sonora Wüste verkörpert all dies; jeder Kaktus und Dornenbusch reckt sich vom sandigen Grund wie eine Offenbarung empor.

Landschaft ist nichts äußeres, von uns getrenntes – wir sind ein Teil davon, menschliche Partikel, die sich durch einen großen Organismus bewegen. Ich verliere mich beim Wandern, wo der Staub und die Luft und die Gerüche von meinem Körper absorbiert werden, mich füllen, mich erfüllen – und für kurze Momente höre ich fast auf, separat zu existieren. Ich bin ein Ökosystem innerhalb eines Ökosystems, Wildnis in einer wilden Landschaft.

Ich weiß, dass ich zurückkommen werde, um den Arizona Trail von Anfang bis Ende zu wandern, den wir auf unseren Tageswanderung in den letzten Tagen immer wieder gequert haben.


10.11.18

Oh Utah!


Endlich sind wir den Winter losgeworden! Allerdings nicht, bis wir bereits in Utah waren, wo wir auch unseren ungewollten Reiserhythmus (zwei Tage weiterkommen, dann drei Tage lang wegen Schneesturm oder kaputtem Auto feststecken) brechen konnten.

 Den ganzen Weg lang durch Montana, Wyoming und Utah sind die Menschen äußerst nett und hilfsbereit uns gegenüber gewesen. Wayne, dem der J.A.R.R.-Abschleppdienst und Autoreparatur in Choteau, Montana, gehört, übertraf sie alle mit seiner Hilfsbereitschaft. An diesem schönen, allerdings gottverlassenen Fleckchen Erde ist uns das Auto verreckt: 
 
Es stellte sich heraus, dass sich die Benzinpumpe unseres Pickups die windgepeitschten Felder von Westmontana zum Verrecken ausgesucht hatte. Wir verbrachten schließlich drei Tage in Choteau, einem Städtchen, an dem die Zeit seit den 1960er Jahren fast unmerklich vorbeigegangen zu sein schien, während Wayne in seinem eigentlich solide gebuchten Terminkalender genügend Luft machte, um uns eine neue Benzinpumpe einzubauen. Nicht nur das – er hat auch die temperamentvollen Rücklichter unseres Campers dazu gebracht, endlich verlässlich zu funktionieren. Als wir schließlich das Städtchen verließen, waren wir mit Wayne schon fast verbrüdert.    

Unsere Tageswanderungen, so weit, wie Chris‘ Knie erlaubte, führten uns immerhin etwas in die Wildnis von Yellowstone (wo ein weiterer Schneesturm einen Tag lang alle Straßen blockierte). Die zahllosen dampfenden, zischenden und blubbernden Quellen und Geysire kamen uns mit unseren halberfrorenen Fingern und Zehen sehr verführerisch vor!

Und dann … kamen wir nach Utah. 


Ich hatte nicht erwartet, dass mich das mit Wüstenbeifuß und Wachholderbüschen bewachsene Ödland, die Kliffs in Sonnenuntergangfarbe und verwunschene Welt der engen Canyons so überwältigen würde. Unsere drei-Tages-Wanderung im Paria Canyon und Buckskin Gulch war ein wahnsinns Erlebnis:

Den Paria Canyon zu durchwandern heißt, die Hälfte der Zeit im 10 bis 40 cm tiefen Wasser zu laufen – und das Wasser war kalt! 

So kalt, dass es selbst meine kanadischen Zehen betäubt hat, und zwar so extrem, dass ich mir am zweiten Tag ohne es zu merken den Fuß verstaucht habe. Plötzlich war der linke elefantengroß und tat weh! Die acht Meilen am nächsten Tag rauszuwandern war aber trotzdem kein Problem, denn der Paria hat das durch ihn verursachte Problem mit demselben Mittel (Kälte) behandelt. Mit völlig gefühllosen Füßen kehrte ich zurück.  
Wir hoffen, dass unsere alternden Glieder trotz der momentanen Wehwehchen Ende November/Anfang Dezember eine Teilstreckenwanderung auf dem Arizona Trail zulassen. Ich kehre Utah etwas widerstrebend den Rücken, den roten Sandstaub auf der Haut und Kopf und Herz voller Bilder.