24.6.17

Lebewohl, mein Freund



Die schwarze Nase, die aus dem Futterloch in der Bärentonne ragt, zuckt und inhaliert die vielen neuen Gerüche: Zedern, Wildblumen, Straßenstaub. Dann ein bekannter Geruch – meiner. Die hellbraunen Augen begegnen meinem Blick. Berbere, der Schwarzbärjährling, um den ich mich gekümmert habe, seit er im Oktober viel zu klein und untergewichtig um Northern Lights Wildlife Shelter ankam, sieht mich verstört an.

Er ist mit drei andern Jährlingen aus seinem Gehege in der Bärentonne gefangen und ist über eintausend Kilometer vom Wildlife Shelter zurück in seine Heimatregion gefahren worden. Ich atme den würzigen Bärengeruch ein, der aus der Tonne weht, und sage den halbwüchsigen Bären, dass alles gut wird, dass sie bald frei sein werden. Wenn sie mich doch nur verstehen könnten.

Aber vielleicht können sie es irgendwie, denn sie sind äußerst brav. Wir haben insgesamt zehn Bären in zwei Tonnen und drei Transportkisten dabei, und es sind keine Kämpfe ausgebrochen. Noch nicht einmal Stresslaute geben sie von sich. Können sie sich noch daran erinnern, wie sie letztes Jahr dieselbe Strecke transportiert wurden, als sie klein, verwaist, verängstigt und außer sich vor Kummer waren?

Staubwolken wehen hinter unseren Pickups, als wir die holprigen Schotterstraßen zu der abgelegenen Stelle fahren, die die Wildhüter als Auswilderungsort ausgesucht haben. Ein Seitental öffnet sich nach links. Wir fahren langsamer und parken so, dass die Bärentonne zu dem Tal hin geöffnet werden kann. Die Staubwolke senkt sich, und es ist still bis auf das Tosen des Wildbachs unten in der Schlucht. Die Bären sind ruhig, aber angespannt. Es ist soweit – die ist der Augenblick, auf den wir all diese Monate hingearbeitet haben.

Ich bin zwischen überwältigender Freude, dass unsere Bären endlich ihre Freiheit wiederhaben und ihr wildes Leben führen können, und überwältigender Traurigkeit, weil ich sie nie wiedersehen und nie wissen werde, was aus ihnen geworden ist, hin- und hergerissen. Der erste Bär schaut aus der offenen Tür der Tonne heraus, wittert, zögert. Vorsichtig springt er hinaus und beginnt, in der Erde zu scharren. Seine Schwester folgt ihm, macht ein paar Schritte. Ein dritter Bär springt hinaus in die Freiheit und läuft sofort auf die Bäume zu, woraufhin auch die andern beiden zu rennen anfangen. Und Berbere? Ich warte. Nichts passiert.

Ich gucke in die Tonne und sehe, dass er an dem Metallgitter an der Vorderseite der Tonne hängt, sich die Freiheit immer noch durch Gitterstäbe anschaut. Schließlich lässt er los und geht langsam an die offene Tür. Er bleibt stehen, schnüffelt in Richtung Boden. Ich halte den Atem an. Er springt runter, schaut sich um und hört, wie einer der andern Jährlinge in den Bäumen blafft. Als ob das sein Zeichen gewesen wäre, loszulaufen, setzt Berbere sich in die entgegengesetzte Richtung in Bewegung. Ein kurzer Blick zu mir hin, und dann fängt er an zu rennen. Er springt die Böschung hinunter, und dann ist er fort, aus meinem Leben verschwunden, in eine Zukunft ohne Zäune und Futtereimer.
Berberes letzter Blick auf mich
 Ich hoffe, dass er ein reiches und erfüllendes Leben haben wird, und dass er die Chancen nutzen wird, die die Natur ihm bietet. Berbere und Hunderte anderer Tiere würden nicht am Leben sein, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die den zuständigen Wildhüter alarmiert haben, und wenn der Wildhüter nicht entschieden hätte, die kleinen Waisen zum Northern Lights Wildlife Shelter zu schicken, dass Angelika und Peter Langen vor 27 Jahren gegründet haben. Wildtiere aufzupäppeln hilft uns nicht nur, diese Tiere besser zu verstehen und die negativen Einwirkungen, die die Menschheit auf Tierbestände haben, etwas abzuschwächen. Es zeigt auch, zu welch wunderbaren und uneigennützigen Taten die Menschen fähig sind. Berbere ist ein Symbol dafür.

4.6.17

Wir wollen raus



Das neueste Opfer ist der schwere Baumstamm, der zwischen den beiden Pfosten im Bärengehege befestigt war. Ihm ist es nicht anders ergangen als vier weiteren Kletterbäumen, fünf Schlafhöhlen und einem Teil der Decke des überdachten Käfigteils – die von den halbwüchsigen Bären zerlegte Einrichtung buchstabiert ganz unmissverständlich „Wir wollen raus“. Sie zerstören jetzt alles, was ihnen unter kommt.  

Spruce, der wegen seines mangelnden Selbstvertrauens so lange mein Problemkind war, schaut mich traurig an. Der Stamm zwischen den beiden Pfosten war sein Lieblingsschlafplatz. Es ist ein Teil unserer Morgenroutine gewesen, dass ich „Hopp, Hopp, Hopp!“ rufe und ihn mit der Harke wedelnd dort runterscheuche, damit er sich mehr zu den andern Bären gesellt. Er hat dann immer eine miesepetrige lange Oberlippe gemacht und ist widerwillig den Pfosten nach unten gerutscht.

„Mensch, das tut mir leid“, sage ich zu ihm. Es tut mir leid, dass er, der es nie schaffte, eine Schlafhöhle zu behalten, nun auch noch diese ungemütliche Schlafstelle verloren hat; es tut mir leid, dass er mir nicht mehr „Die Lippe“ zeigen wird; es tut mir leid, dass diese dreizehn Bären für mich bald nur noch in meiner Erinnerung existieren werden. Und es tut mir leid, dass sie noch ein paar Tage mehr warten müssen, bis das Auswildern beginnt. Sie sind alle so groß geworden, körperlich und auch in ihrem Selbstvertrauen, und sind offensichtlich bereit, wieder in der Wildnis zu leben.

Wie sehr diese Bären bereit für das Wildnisleben sind, was Menschenbegegnungen angeht, habe ich erst kürzlich gemerkt. Noch nie war ich so stolz auf meine Bären, wie an dem Tag, an dem ich sie auf einen fremden Menschen reagieren sah. Der Tierarzt war mit seiner Assistentin gekommen, um zu bestätigen, dass Huck, der im Oktober schwer krank gewesen war und seitdem wieder genesen ist, gesund ist und ausgewildert werden kann.

Kaum, dass die Bären die fremden Stimmen hörten, gingen alle Nasen in die Luft, um den Geruch der fremden Mensch zu orten. Als der Tierarzt und seine Assistentin sich dem Zaun näherten, flohen alle dreizehn Bären nervös blaffend die Kletterbäume hoch – im starken Gegensatz dazu, wie sie meine Co-Volontärin Brooke und mich ignorieren. Kein einziger Bär ging auf den Zaun zu, um sich die Fremdlinge anzusehen. Sie blieben alle auf Abstand. 
Spruce hat die Nase voll von der Gefangenschaft
Ich hatte zwar von den Gründern des Northern Lights Wildlife Shelter, Peter und Angelika Langen, gehört, dass sich die Bären fremden Menschen gegenüber so verhalten würden, aber es mit eigenen Augen zu sehen – zu bestätigt bekommen, wie meine Bären um jeden Preis versuchten, Unbekannten aus dem Weg zu gehen – ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Die Situation wiederholte sich, als das Kamerateam kam, das die Dokumentarserie „Wild Bear Rescue“ über das Shelter filmt. Ich bin überzeugt, dass sich keiner dieser Bären einem Menschen nähern wird, nachdem sie wieder in die Freiheit entlassen worden sind. 

Dieses Verhalten der Bären kommt zT daher, dass sich während ihrer langen Monate im Northern Lights Wildlife Shelter immer nur dieselben 2-3 Tierpfleger um sie kümmern. Sie bekommen kaum einen andern Menschen zu Gesicht und wenn, handelt es sich dabei um eine neutrale Situation (keine positive Erfahrung wie Füttern) oder eine negative (für eine Untersuchung oder einen Transport gefangen zu werden). Dadurch lernen die Bären, dass ihnen der Kontakt mit anderen Menschen nichts Gutes bringt.

Spruce, dem sein Baumstamm fehlt, sitzt nun auf einer Kletterplattform und massiert sich mit der linken Vorderpfote die rechte, wie er es so oft tut, wenn er Brooke und mir beim Saubermachen zuschaut. Ich wünschte, ich könnte ihm vermitteln, dass er und die andern Bären bald zurück in der Wildnis sein werden, dass sie das Leben haben werden, für das sie gedacht sind, wo jeder Tag ein neues Abenteuer bringt. Und ich wünschte, ich könnte ihnen sagen, wie dankbar ich ihnen für die unglaublichen Einblicke in das Verhalten Bären bin, die sie mir gewährt haben.

28.5.17

Ein mausiges Frühstück



Wie viele Leute wohl sonst noch ihren Wecker stellen, um eine Maus zu zerlegen? Es ist keine sonderlich schöne Aufgabe so früh am Morgen; Mausinnereien haben einen recht eigenartigen Geruch, und das sanfte Nachgeben der kleinen Knochen, des Fells und des Fleischs unter dem Druck meiner Schere ist irgendwie gruselig.

Mit einem weiteren Schluck Kaffee trinke ich mir Mut für diesen unschönen Aspekt meiner Rolle als Eulenziehmutter an und schnippele den Mäusekopf in schnabelgerechte Stücke. Rechts von mir fiepen die drei kleinen Sägekäuze hungrig, links von mir toben die vier Monate alten Schwarzbärzwillinge Nahanni und Logan wie die Wilden. Sie üben sich in Bärenfertigkeiten wie dem Zerfetzen von morschem Holz und Prankenschlägen. Ihren Wassernapf haben sie offenbar wieder für ein morgendliches Fußbad genutzt und dem Boden mit ihrem überall verstreuten Löwenzahn und Gemüse ein wiesenartiges Ambiente gegeben. 

Nachdem ich die Maus zerlegt habe, setze ich die kleinen Käuze in eine durchsichtige Plastikschale, die mit Küchenkrepp ausgelegt ist. Ein richtiges Nest haben die Kleinen nun nicht mehr; ihrs war unabsichtlich zerstört worden, als ein Baum gefällt wurde. Betroffen hatte der Grundstückseigner, der von dem Eulennest nichts gewusst hatte, die erst ein paar Tage alten Vogelkinder ins Northern Lights Wildlife Shelter gebracht. Erst eins hatte schon die Augen offen.

Jetzt sind sie ungefähr so groß wie ein Tennisball – ein sehr wuscheliger Tennisball, denn sie bekommen bereits ihre dunkelorangen und grauen Federn. Ein wesentlich schönerer Anblick als zuerst, wo sie mich an Pingpongbälle erinnerten, an denen Wäschetrocknerflusen kleben geblieben waren. Die drei Käuzchen richten ihre gelben Augen auf mich, unter denen der breite Schnabel wie ein Guten-Morgen-Lächeln wirkt.

Das Frühstück besteht aus weniger Maus als bisher, da die kleinen Käuze zu schnell an Gewicht zugenommen haben. Jetzt wedeln wir die Mausstücke nur kurz mit der Pinzette vor den Vögeln hin und her, statt ihnen wie zuerst damit an den Schnabel zu tippen. Ein hungriges Käuzchen wird sich sein Futter schnappen; bleibt der Schnabel zu, ist der Vogel voll.


Die beiden größten Käuzchen schnappen nach dem Mausebein, das im Nu im roten Schlund des mittleren Vogels verschwindet. Der Kauz fixiert mich während des Schluckens mit seinem gelben Blick. Ich biete Eingeweide, mehr Beine und Teile des Mausekopfs an, und je mehr die Maus schwindet, desto mehr verliert sich auch das Interesse der Käuze daran. Die gelben Augen lassen von meinem Gesicht ab und fallen zu. Müde kuscheln die kleinen Vögel sich aneinander.

Die drei in ihren Käfig zurückzusetzen ist nicht mehr so einfach wie zu Anfang, denn inzwischen packen sie mit ihren Krallen schon fest zu. Das größte Käuzchen krallt sich an meinem Finger fest, flattert mit den halbbefederten Flügeln und klappert mich mit dem Schnabel an, als ich es aus der Futterbox hole. Die Geschwister sind als nächstes dran, und dann heißt es für mich, meine Mausschlachterutensilien abzuwaschen und den kleinen Bären ihre Milch zuzubereiten. Es ist eine etwas andere Art, den Tag zu beginnen, aber trotzdem schön.