15.2.17

Schwäne futtern wie Schweine


Wie in Zeitlupe bewege ich mich, vermeide jeglichen Augenkontakt, damit der Trompeterschwan, den ich zu füttern versuche, mich nicht mit seinen mächtigen Schwingen verprügelt. Königlich steht er auf seinen riesigen schwarzen Plattfüßen da und zischt mir ununterbrochen eine Warnung zu, fast wie ein stetiges Motorschnurren. Ich werfe einen kalkulierenden Blick auf die Größe des Wassereimers und Futternapfs, die ich aus dem Köfig holen muss, und versuche abzuschätzen, wie weit ich die Tür aufmachen kann, ohne den Schwan anzurempeln. Es könnte gerade so eben passen.

Die Zischdrohung wird immer lauter. Die Tür geht in Richtung Schwan auf und schützt meinen Körper; zumindest solange der Riesenvogel sich nicht von der Stelle rührt. Ich drehe meinen Kopf und Körper leicht vom Schwan weg, versuche so unbedrohlich wie nur möglich zu wirken. Langsam strecke ich meinen Arm durch die Türöffnung und Reichweite des Schwans.

Die Überraschungen und Abenteuer, denen man als Volontär im Northern Lights Wildlife Shelter begegnet, hören nie auf. Ab und zu kommt jemand mit einem verletzten oder geschwächten Vogel auf den Hof gefahren und sorgt damit für eine interessante Abwechslung von den Bären und Hirschkälbern. Ich habe eine Schwäche für Wasservögel und bin begeistert von dem Trompeterschwan. Lange wird er allerdings nicht hierbleiben. Das NLWS ist auf Säugetiere spezialisiert und nicht auf Vögel. Alle Vögel, die mehr als eine oberflächliche Verletzung haben oder die wir nicht diagnostizieren können, werden an zwei besser ausgerüstete und erfahrenere Einrichtungen in der Gegend von Vancouver weitergeleitet: Die Orphaned Wildlife Rehabilitation Society (O.W.L.) in Delta, oder die Wildlife Rescue Association (WRA) in Burnaby. 

Ich komme mir wie beim Tai Chi oder Yoga vor, als ich mich langsam bücke und meine Finger um den Henkel des Wassereimers schließe. Geschafft! Vom stetigen Zischen des Schwans begleitet ziehe ich den Eimer hinter die sichere Tür. Dann das Gleiche noch einmal mit sauberem Wasser und einer vollen Futterschüssel, und ich mache eine Entdeckung: Der Schwan frisst wie ein Schwein.

Sein langer Hals peitscht vor und zurück, als er mit dem Schnabel auf das Futter einsticht. Die Mischung aus geriebenen Kartoffeln, Äpfeln und Hühnerfutter fliegt durch den Käfig; ein Teil landet vermutlich auch in seinem Schnabel. Bald sieht es im Käfig aus, als hätte jemand einen Grastrimmer in die Schüssel gehalten. Was auch immer dem Schwan fehlt - sein Appetit zumindest ist sehr gesund. Jemand hatte ihn in seinem Garten entdeckt, eingefangen und bei uns abgeliefert. Von hier geht es nun weiter in den Süden. Die kleine Fluggesellschaft Coast Mountain Air hilft dem Schwan, wie so vielen andern Vögeln in Not auch, sozusagen auf die Schwinge: Für einen äußerst geringen Obulus wird er nach Vancouver transportiert.

Den Schwan für seinen Flug in den Süden zu fangen hat mit Tai Chi nichts mehr zu tun. Die Langzeitvolontärin Kim nähert sich dem Vogel mit einer auseinandergefalteten Decke und überwältigt ihn, hält seine Flügel und den Hals unter der Decke fest. Während sie den Schwan umklammert (der seinen Unmut laut kundtut), schiebe ich die Hundetransportbox, in der er reisen wird, in Position. Es gelingt ihm kurz, seinen Kopf freizukämpfen, doch ich kann schnell wieder die Decke darüberstreifen. Vorsichtig stecke ich seinen Kopf in die Box, Kim schiebt von hinten nach, und dann haben wir ihn sicher verpackt.

Der Schwan lässt einen wahren Saustall von Futterresten und Kotklecksen zurück. Die Organisation in Burnaby meldet sich ein paar Tage später mit den Ergebnissen der Untersuchung: Er hat keinerlei Verletzungen, sondern war nur geschwächt - und ist der dreckigste Fresser, den sie je erlebt haben. Nachdem er dort noch einige Tage gefüttert wird, bekommt er seine Freiheit wiedergeschenkt. IUnd ich bin froh, etwas Zeit mit ihm verbracht zu haben.

Scheinangriffe sind auch etwas Schönes



Die kleinen Tatzen schlagen gegen die andere Seite der Tür des Quarantänekäfigs. Die Klauen klammern sich ans Gitter. Das Bärchen schnaubt zwei-, dreimal wütend und versucht, sich noch ein paar Sekunden lang verärgert gestzuhalten. Dann rutschen die beiden Ohren und die zuckende Nase aus meinem Blickfeld, gefolgt von den hellbraunen Krallen. Ein leises Plumps!, als das Bärenjunge auf dem Boden landet, und der Scheinangriff ist vorbei.

Ich bin außer mir vor Freude. Buckelig steht die kleine Bärin da, den wuscheligen Hintern in meine Richtung gestreckt, und wirft mir über die Schulter einen finsteren Blick zu, der schnell unsicher und dann ängstlich wird. Ich trete von der Tür zurück, bis sie mich nicht mehr sehen kann, um sie nicht weiter zu bedrängen, und schlinge die Arme um mich, ein ekstatisches Grinsen im Gesicht. Seit ich im Oktober als Volontärin im Northern Lights Wildlife Shelter angefangen habe, habe ich entdeckt, dass mir vom Scheinangriff eines Bärenkindes warm ums Herz werden kann.   
Mein kleines Sorgenkind
Denn ein Scheinangriff ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass das Tier genügend Kraft hat, um zu versuchen sich zu beschützen, sondern vor allem auch einen starken Lebenswillen hat. Bei manchen der kleinen Waisen kann man die Entscheidung, leben zu wollen, geradezu mitverfolgen. Diese kleine Bärin, die Anfang Januar in stark geschwächtem Zustand im Shelter angekommen war, hatte sich zuerst einfach zusammengerollt und sich fast katatonisch geweigert, etwas mit ihrer neuen Umgebung oder Futter zu tun zu haben. 

Das Northern Lights Wildlife Shelter folgt dem Leitgedanken, den Neuankömmlingen so wenig wie möglich Stress zu bereiten und auf die Fähigkeit der Tiere zu bauen, sich selbst zu heilen. Für Wildtiere, die natürlich keinerlei Menschenkontakt gewöhnt sind, ist es oft traumatisch untersucht oder angefasst zu werden. Ein stiller, trockener und geschützer Käfig vermindert den Stress bereits etwas. Wenn schwerwiegende Verletzungen oder Krankheiten vorliegen, kommt der Tierarzt zu Einsatz, aber ansonsten versuchen wir lediglich, den kleinen Tierwaisen eine sichere, friedliche Umgebung zu schenken, in der sie mit sehr verhaltener Ermutigung wieder gesund und stark werden können. 

Das erste Anzeichen, dass sich die kleine Bärin dafür entscheidet, am Leben bleiben zu wollen, ist ihre Kopfbewegung in Richtung des warmen, gesüßten Haferbreis. Wie in Zeitlupe schnüffelt sie an der Schüssel. Ich halte den Atem an und warte. Wird sie fressen? Die Sekunden vergehen, und dann streckt sie endlich ihre lange Zunge aus und beginnt zögernd am Brei zu lecken. Habe ich auch genügend Sirup hineingetan, um sie zum Fressen zu animieren? Anscheinend ja - denn sie noch etwas weiter, wirft uns dann einen angsterfüllten Blick zu und rollt sich zu einem Ball zusammen.

Das war der erste Schritt. Danach ging es langsam weiter. Wir wissen nicht, wie die kleine Bärin, die zusammengerollt auf einer Maschine im Garten eines Hauses gefunden wurde, ihre Mutter verloren hat, aber angesichts ihres mageren Körpers muss sie schon eine ganze Weile lang auf sich allein gestellt gewesen sein. Ihr Appetit kehr nur langsam zurück. Zuerst trinkt sie nur die Flüssigkeit vom Haferbrei, dann frisst sie ein paar maulvoll. Mehr geht noch nicht. Ich schöpfe Hoffnung. 

Einen Tag später steht sie sogar auf, als sie den Haferbrei riecht, und beginnt sofort zu fressen. Noch immer bewegt sie sich so langsam, als wäre sie unter Wasser - es ist offensichtlich, wie viel Kraft es sie kostet auf allen Vieren zu stehen und zu gehen, zu fressen. Als sie beschließt, dass es sich lohnt ihr Strohlager neu zu arrangieren, habe ich das Gefühl, dass jetzt alles gut wird: Langsam, ganz langsam und konzentriert harkt sie mit den Krallen über den Boden, bis sie die meisten herumliegenden Strohhalme in ihr Lager bugsiert hat. Der nächste vielversprechende Schritt ist, als sie endlich auch die Smoothies frisst, die ich ihr mache, damit sie keine Energie aufs Zerbeißen und Kauen des Obst und Gemüses verschwenden muss. Als sie das ganze noch mit dem Scheinangriff gegen die Tür krönt, fühle ich, dass wir gewonnen haben.

Aber dann gab es doch noch mal einen Rückfall, wo alles wieder auf der Kippe zu stehen schien, bevor wir sie nun endlich in das Gehege der zwölf Schwarzbären, die keinen Winterschlaf halten, umsiedeln konnten. 

9.1.17

Es kommt ganz aufs Verhalten an



"Wollen wir Freunde sein?" ist nicht nur für Menschen eine Frage, die mit Herzklopfen gestellt wird, sondern auch für verwaiste Bärenkinder. Und die Frage stellt sich, sobald die kleinen Bären aus der Quarantäne entlassen und in die größeren Gehege und die Gesellschaft von andern Bären umziehen können.

Normalerweise bleiben Schwarzbärenjunge bei ihrer Mutter, bis sie 15-16 Monate alt sind. Für die verwaisten Bären im Northern Lights Wildlife Shelter ist diese Zeit viel zu früh zu Ende gegangen. Die Gesellschaft von andern Bärenjungen kann den kleinen Bären über das Trauma hinweghelfen, die Mutter und oft auch Geschwister verloren zu haben, und plötzlich in der Obhut von Menschen gelandet zu sein. Die Bären hier haben ihre  zwar ihre Familien verloren, können aber Trost bei ihren neuen Ziehbrüdern und -schwestern finden.

Holly
Freundschaften zu schließen dauert allerdings etwas und ist nicht einfach. Ich muss lächeln als ich Huck, den kleinen Schwarzbären beobachte, der im Oktober so krank gewesen war und inzwischen wieder voll genesen ist, wie er sich neben Hollys Höhle auf den Hintern setzt. Er passt auf, dass er nicht den Eingang blockiert, und reckt dann gaaaaanz langsam und vorsichtig den Hals, bis er um die Ecke in die Höhle gucken kann. Holly streckt die Nase ein paar Zentimeter weit heraus und Huck senkt sofort den Kopf, schaut weg und zieht sich ein wenig zurück. Holly tut es ihm nach, nur dass sie immer noch in ihrer Höhle sitzt, und ein paar Sekunden später späht Huck wieder vorsichtig hinein. Holly gibt kein wütendes Knurren von sich, aber kaum, dass sie den Kopf hinausstreckt, zieht Huck sich wieder etwas zurück. 

Die beiden probieren ganz sanft und langsam, wie nahe sie sich kommen können, ohne dass es dem andern zu aufdringlich ist. Holly ist in dieser Gruppe von sieben Schwarzbären die kleinste, aber die Größe diktiert nicht automatisch die Rangfolge in der Gruppe. Es kommt ganz und gar auf die Einstellung und das Verhalten an. Nachdem wir das Futter verteilt und das Gehege verlassen haben, beobachten meine Mitarbeiterin und ich die Bären ein paar Minuten lang von der andern Seite des Zauns aus.

Die Bären verwenden bei der Nahrungssicherung im Grunde nur zwei Strategien: Futter schnappen
Mr. Dill
und wegrennen, oder Futter schnappen und grummeln. Hollys Höhlenmitbewohner Dill (wir nennen ihn wegen seines ernsten und seriösen Auftretens "Mr." Dill) zieht letzteres vor. Er macht sich mitten in den Äpfeln und Birnen breit und grummelt eine Drohung vor sich hin, die sich wie "njam, njam, njam" anhört, sobald sich ein Bär nähert, der nicht zu seinen Freunden gehört. Das Gegrummel, in Kombination mit hochgezogenen Schultern und einer angespannten Körperhaltung, hält selbst die beiden größten Bären im Gehege auf Abstand.  


Huck dagegen schnappt sich lieber sein Futter und rennt damit in Sicherheit. Das Problem ist, dass er das Futter erst mal ergattern muss, um damit wegrennen zu können. Um Unsichtbarkeit bemüht, schleicht er Schritt um Schritt in Richtung Futter und benutzt dabei Hollys Höhlenhäuschen als Deckung vor dem größten Bären im Gehege. Aber der große Bär, der sich interessanter Weise nicht traut, dem kleineren Mr. Dill nahezukommen, hat Huck bereits im Visier und starrt ihn herausfordernd an.

Huck bleibt wie versteinert stehen und guckt sich schnell um, ob hinter ihm alles für einen schnellen rückzug frei ist. Das reicht dem großen Bären nicht: Er zieht die Schultern hoch, senkt den Kopf und macht die ersten schnellen Schritte eines Scheinangriffs auf Huck zu, der in Windeseile abdreht und seine Höhle flüchtet.

Scheinanrgiff von Clove auf Huck
Doch kaum, dass der große Bär sich einen Apfel geholt und den Futterplatz verlassen hat, schleicht Huck sich wieder an das Fressen an. Diesmal hat er Erfolg und läuft mit seinem Apfel im Maul davon, den Kopf triumphierend in die Höhe gereckt. 

Ob die sich anbahnende Freundschaft zwischen Huck und Holly wohl bedeutet, dass Hollys Höhlenmitbewohner Mr. Dill ihn ebenfalls als Kumpel akzeptieren wird? Ich bin gespannt!