6.5.17

Ganz persönlich gesehen



Über sieben Monate schon. Das ist seit über einem Jahrzehnt die bei weitem längste Zeit, die ich ans Strom-, Handy- und Straßennetz sowie die Wasser- und Stromversorgung und den Rest der Zivilisation angeschlossen gelebt habe. Aus meiner Perspektive gesehen lebe ich momentan „im Süden“, während die Leute hier meinen, dass sie im Norden British Columbias leben.

Schade, leider ist es nicht der Norden. Wobei natürlich für Menschen in der Arktis mein Zuhause auch nicht im Norden liegt. Es kommt halt auf die Perspektive an, und dieses Jahr als freiwillige Helferin im Süden ermöglicht mir, mein Leben und das anderer Leute mal aus einer andern Perspektive zu betrachten – der von jemandem, der vernetzt und angeschlossen ist.

Mir hat es sehr betont vor Augen geführt, wie glücklich ich mit meinem Wildnisleben bin. Im Vergleich zum „normalen“, zivilisierten Leben kommt es mir vor wie endlose Ferien. Die unwahrscheinliche Freiheit, die ein so einfacher Lebensstil schenkt, ist mir jetzt noch stärker bewusst geworden. Und den unwahrscheinlichen Luxus von Zeit zu haben.

Mir fehlt gar nicht mal unser Zuhause an sich so sehr, sondern eher der Norden – mein Norden – insgesamt. Die langen, langsamen Sonnenaufgänge und –untergänge, Wälder ohne Forstwirtschaft, die sich bis an den Horizont erstrecken, Bergketten hinter weiteren Bergketten, gesunde Wildtiere, exzentrische Menschen, Indianer, weltoffene und freundliche Menschen … denn der Norden ist nur dünn besiedelt und es interessiert uns, neue Leute kennenzulernen.

Unser See daheim ist noch zugefroren, aber ich denke jetzt fast jeden Tag ans Kajakfahren. Draußen auf dem Wasser zu ein, am Ufer nach Karibus Ausschau zu halten; der klare, weite Himmel über mir, durchsichtiges Wasser, das von meinem Paddel tropft, und Landschaft, die Stunde um Stunde entfaltet. Das Gefühl, klein und entbehrlich zu sein, und dass das Land so endlos und von solch strenger Schönheit ist. Ich frage mich, wie es wohl unserm Stachelschwein geht, ob die Bären schon aktiv sind und wo die Elchkühe wohl diesmal ihre Kälber zur Welt bringen werden.

Wenn ich nicht mehr angeschlossen und vernetzt bin, wenn ich wiederkomme, wird das alles noch da sein. Vielleicht ist das das größte Geschenk, das es gibt.

20.4.17

Ein Bärentraum wird wahr



Ausgewachsene Bären sind hauptsächlich Einzelgänger, die nicht nach Freunden suchen. Ihr Sozialverhalten lernen sie früh im Leben als Jungtiere. Zu den faszinierenden Highlights, die man erlebt, wenn man sich um verwaiste Jungbären kümmert, zählt das Beobachten vom Schließen einer Freundschaft. Es ist für ihr Leben nach dem Auswildern äußerst wichtig, dass die Tiere sich mit andern Bären verständigen und deren Verhalten richtig interpretieren können: Ausgewachsene männliche Bären und Grizzlys töten junge Schwarzbären und fressen sie. Für die Fortpflanzung, die bei Bären ab ungefähr drei Jahren beginnt, kommt es ebenfalls darauf an, sich verständigen zu können.   

Manchmal schließen die kleinen Bären im Northern Lights Wildlife Shelter sofort spontane Freundschaften. Meist dauert es allerdings, manchmal sogar sehr lange – so lange, dass ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, den kleinen Berbere jemals Anschluss an seine heiß geliebte Mimosa finden zu sehen. Den Großteil vom Februar und März hatte er mit dem Versuch verbracht, die schöne und kühle Mimosa zu beeindrucken. Er ist herumstolziert, gesprintet wie ein Weltmeister, alle Kletterbäume hochgehechtet und hat ihr mit der Tatze zugewinkt (das hat er wirklich!). Der Lohn für all seine Anstrengungen waren jedoch nur gelangweilte Blicke von ihr und mitleidige Seufzer von mir.

Berbere ist zwar winzig, aber das macht er mit Hartnäckigkeit und Neugierde wieder wett. Er hat schließlich angefangen, seine Aufmerksamkeiten von Mimosa auf Spirit zu lenken. Spirit ist ein äußerst ruhiger (um nicht zu sagen, phlegmatischer) geselle, der im Dezember ins Shelter kam, nachdem er halberfroren am Straßenrand gefunden wurde. Spirit war von Mimosa recht schnell als Kumpel, wenn auch nicht als enger Freund, akzeptiert worden. Vermutlich hat Berbere nicht kalkulierend geplant, Mimosas Herz zu gewinnen, indem er sich mit ihrem Kumpel anfreundet – aber wer weiß das schon? Je mehr Zeit ich mit Bären verbringe, desto mehr offene Fragen habe ich.

Mir ist nur aufgefallen, dass Berbere mit seinen wilden Sprints und seinem aufschneiderischen Gehabe aufhörte und sich jeden Tag ein paar Zentimeter näher an Spirit herantastete. Bären sagen einander, wie nahe zu nahe ist: Spirit hat dann immer den Kopf gesenkt, die Ohren angelegt und mit Schmollmund ein warnendes Grollen von sich gegeben. Das hat Berbere mit der gleichen Körpersprache beantwortet. Eine Art koordiniertes Hin- und Herschwanken der beiden folgte, in dem sie beide grollten und keiner näher an den anderen herantrat.

Dabei habe ich bemerkt, dass Bären äußerst ausdrucksvolle Lippen haben, die über ihre aktuelle Laune Auskunft geben. Ein nervöser oder etwas aus der Ruhe gebrachter Bär streckt seine Oberlippe vor und macht buchstäblich ein langes Gesicht. Wird er noch nervöser oder fühlt er sich zu stark unter Druck gesetzt, streckt er auch die Unterlippe vor und prustet einen Warnlaut.

Im Laufe von zwei Wochen sind Spirit und Berbere schließlich über ihr langgesichtiges Patt hinausgewachsen und haben die Distanz zwischen sich immer mehr verringert. Vielleicht hat Spirit dem ständigen Nerven von Berbere auch einfach nachgegeben, um endlich seine Ruhe zu haben. Ich habe nie gesehen, dass Spirit Kontakt mit Berbere gesucht hat. Als ich eines Tages ins Gehege kam, habe ich die beiden dann ausprobieren gesehen, ob sie miteinander spielen können. Bären ist ihr persönlicher Raum sehr wichtig, und sie benutzen u.a. Bäume als eine Art Puffer zu jemandem, der ihnen zu nahe kommt. Berberes und Spirits erstes gemeinsames Spielen sah entsprechend ungelenk aus: Sie saßen mit einem Pfosten zwischen sich, sodass keiner dem andern zu nah kommen konnte, und haben Verstecken gespielt. Die Tatzen kamen betont selten und behutsam zum Einsatz. Und damit war die Freundschaft besiegelt.
 
Berbere (auf den Hinterbeinen stehend), Spirit und die schöne, wenn auch Winterfell verlierende Mimosa
Jetzt, wo Berbere ständig mit Spirit unterwegs ist, schenkt ihm auch Mimosa mehr Beachtung – allerdings aus ganz egoistischen Gründen. Wenn Berbere ein leckeres Stück Fisch beim Wickel hat, marschiert sie dreist zu ihm hinüber und stiehlt es ihm, ohne dass er protestiert. Das Futter stehlen (oder teilen) hat aber doch zum Spielen geführt, und dann ist Berberes Traum wahr geworden: Er darf nun mit seiner heiß geliebten Mimosa und Spirit die Höhle teilen.

Wie begeistert die beiden andern davon sind, weiß ich nicht, aber Berbere wirkt wie im siebten Himmel, dass er nach den endlos langen Monaten ohne seine Mutter und Geschwister endlich wieder jemanden hat, mit dem er kuscheln kann.

19.4.17

Osterferien

Ich habe wohl ganz ungeplant recht lange Osterferien gemacht, was meinen Blog angeht ... Zu meiner Entschuldigung kann ich vorbringen, dass ich wild daran gearbeitet habe, meine Übersetzung von Rober McCammons wunderbarem Histo-Krimi "Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal - Band 2" fertigzustellen, und nun sind auch alle 45 Bären wach und aktiv. Und mein Freund ist für drei Wochen zu Besuch gekommen. 

Ich konnte mir ein paar Tage freinehmen. Wir sind im Babine Provoncial Park, gleich hinter dem Shelter, wandern gewesen und ins Silver King Basin hochgelaufen. Der Trail zum Silver King ist eher langweilig, da es sich im eine alte Bergbaustraße handelt und die Aussicht sich größtenteils auf Bäume beschränkt. Aber wenn man erst mal oben angekommen ist, erwartet einen ein herrlicher Talkessel (und eine gemütliche Berghütte, in der man für $10.- die Nacht bleiben kann).


Ja, und ansonsten ... wie  gesagt, alle 45 Bären sind wach.


Neugeborene Tierwaisen haben wir bisher noch nicht hereingekommen. Ich will zusehen, dass ich jetzt alle paar Tage einen Beitrag über die Ereignisse seit ... äh ... Februar einstelle, bis der Blog wieder auf dem aktuellen Stand angekommen ist. Euch allen einen frohen Frühling!


3.4.17

Auswilderungslogistik



Es dauert nicht mehr lange – den verwaisten Bären im Northern Lights Wildlife Shelter steht die Auswilderung in ihre Heimatregionen bevor. Mir sträuben sich beim Gedanken an die Logistik, 44 Schwarzbären und einen Grizzly kreuz und quer durch British Columbia zu transportieren, die Haare. Die Gründer des NLWS Peter und Angelika Langen haben allerdings schon 27 Jahre Erfahrung darin. Die größte Schwierigkeit mag darin bestehen, die Grizzlybärin Shadow für ihre Fahrt in die Freiheit einzufangen. 

Shadow ist Ende Oktober im Shelter eingetroffen, absolut wild vor Rage. Ihr verzweifeltes Brüllen hallte von den Bergen wider, als sie in dem Versuch, aus dem Grizzlygehege auszubrechen am Zaun riss. Ihre Mutter war in Bella Coola, wo Essen nicht vor Bären gesichert aufbewahrt gewesen war, auf der Suche nach etwas zu Fressen erschossen worden. Das Northern Lights Wildlife Shelter war die einzige Überlebenschance, die Shadow blieb. 

So gut wie alle jungen Bären, auch Grizzlys, finden sich nach einer Weile mit ihrer Zeit in menschlicher Fürsorge ab. So gut wie alle – bis auf Shadow. Sie vermeidet jeglichen Menschenkontakt, so gut sie kann, und verschwindet sofort in ihrer Höhle, wenn sie einen Menschen bemerkt. In den fünf Monaten, die sie nun hier ist, habe ich sie vielleicht drei Mal zu Gesicht bekommen. Selbst Peter Langen, der sich um sie kümmert, erhascht nur selten einen Blick auf sie im Tageslicht. Wenn sie wieder ausgewildert ist, mag ihr dieses Verhalten einen Überlebensvorteil bieten – aber sie für den Transport einzufangen, wird dadurch sehr schwierig werden.


Die normale Prozedur ist reine Routine für die Langens. Eine Transportbox oder Bärenfalle (das ist einfach ein großes Wellblechrohr mit Gittern an beiden Enden) wird bereitgestellt. Dann wird der Jungbär in seinem Gehege betäubt, gewogen, ein Tatzenabdruck wird genommen und zusätzlich zu der Ohrenmarkierung und dem Mikrochip, den die Tiere bereits bei der „Einweisung“ bekommen haben, wird nun auch noch die Lippe tätowiert. Durch die Markierungen soll sichergestellt werden, dass der Bär auch noch in vielen Jahren identifizierbar ist. Dann wird das Tier zum Aufwachen in die Transportbox gelegt und beginnt seine Reise zurück in die Freiheit. Einen Bären im Gehege zu betäuben ist normalerweise nicht schwierig, besonders nicht bei Schwarzbären, die sich leicht einen der Kletterbäume hochscheuchen lassen, wo die mit dem Betäubungsmittel geladene Spritze, die an einem langen Stab befestigt ist, zustechen kann. 

Shadow mit einer Spritze in die Ecke zu drängen würde allerdings bedeuten, sie zu einem Angriff herauszufordern. Sie aus ihrer Höhle raus zu scheuchen und mit dem Betäubungsgewehr einen Pfeil abzuschießen, während sie durch das Gehege rennt, ist allerdings auch keine gute Option. Denn je mehr Adrenalin durch das Tier pumpt, desto ineffektiver das Betäubungsmittel. Die normale Dosis ist meist unzureichend, wenn der Bär ganz außer sich ist, und mit einer höheren Dosis steigt das Risiko, dass das Tier dann nicht mehr aufwacht. 

So wurde nun der Plan erstellt, Shadow daran zu gewöhnen, nur in einem kleinen, vom Rest des Geheges per Falltür abtrennbaren Käfigs zu fressen. Unsere Hoffnung ist, dass sie sich selbst in den Käfig einsperrt, indem wir das Stahlseil der Falltür am Tag vor ihrer Auswilderung an einem Stück Fleisch befestigen. Dann kann sie ihre Wut die Nacht über loswerden und am Morgen hoffentlich gefahrlos für alle Beteiligten durch den Zaun hindurch betäubt werden. 

Zweifelsohne sind diese Prozeduren vor dem Auswildern äußerst stressvoll und unangenehm für die Jungbären – inklusive die lange Fahrt in der Transportbox. Vielen der Bären steht eine Fahrt von über eintausend Kilometern bevor. Nach all den Monaten, die die Tiere in menschlicher Obhut zugebracht haben, ist das allerdings etwas Gutes, denn es unterstreicht, dass Menschen unvorhersehbar handeln und dass eine nahe Begegnung unangenehme Resultate haben wird.

Wir wollen, dass diese Bären in der Wildnis erfolgreich überleben und dort die Art von Leben führen, zu dem sie geboren sind. Die Langens haben im Laufe der Jahre knapp 400 Bären erfolgreich ausgewildert – da habe ich auch für Shadow und unsere Schwarzbären die besten Hoffnungen.