4.11.15

Erstickungsgefahr und Barfußschuhe

Ich kann Einkaufen ja absolut nicht ausstehen, musste mich dieses Jahr aber überwinden und einiges an neuer Campingausrüstung anschaffen. Ungefähr ebenso ungern lese ich Ausrüstungstestberichte und habe noch nie einen geschrieben. Aber ich stelle mir euch Blogleser größtenteils als Camper vor – und so überwinde ich mich nun noch einmal ganz heroisch, um euch an meinen Erlebnissen mit den neuen Barfußschuhen, Bug Bivy, Tarp und Zelt teilhaben zu lassen.


Barfußschuhe – allein die Bezeichnung ist schon widersinnig. Es handelt sich dabei um sehr leichte und biegsame Turnschuhe, die unter der Ferse keine erhöhte Sohle haben. Der Hintergedanke ist, dass der menschliche Körper sich ja ohne den Bedarf nach steifem Schuhwerk oder einem Keil unter der Ferse entwickelt hat.
Die letzten beiden Sommer bin ich nur in selbstgenähten Mokassins herumgelaufen. Aus Kunststoff bestehende Barfußschuhe hielt ich für eine gute Lösung in nassen Situationen, in denen sich meine elchledernen Mokassins in unförmige Lederbeutel verwandeln. Ich entdeckte Vivobarefoots ultrahässliche Trailfreak zum Sonderpreis. Der Barfußschuh-Propaganda zufolge erwartete mich ein herrliches Laufgefühl, das mich den Boden unter meinen Füßen spüren lassen würde – ähnlich wie bei meinen Mokassins, dachte ich mir.
Aber als ich die Trailfreak-Schuhe anzog, war mein erster (und bleibender) Eindruck: „Hm. Fühlt sich total wie Schuhe an.“ Wie leichte und biegsame Schuhe, das stimmt schon, aber definitiv wie Schuhe. Von wegen barfuß. Meine Mokassins dagegen fühlen sich an wie Strümpfe und lassen mich den Boden, inklusive der Temperatur fühlen.
Die Sohle der Trailfreaks ist trotz der angeblich Halt gebenden Stollen auf nassem Gestein und Wurzeln sehr rutschig – alles andere als empfehlenswert. Das Positive an ihnen ist, dass sie sich bei Nässe nicht in schlabbrige Beutel wie die Mokassins verwandeln und auch recht schnell wieder trocknen. In der Hinsicht erfüllen sie also ihren Zweck. Aber wer gern ein richtiges Barfußgefühl beim Gehen erleben möchte (was auf Asphalt allerdings grauenvoll hart ist), sollte sich doch besser ein Paar Mokassins nähen. Das ist nicht sonderlich schwierig.


Bug Bivy – ein Biwaksack aus Moskitonetz. Ich habe mir den Outdoor Research Bug Bivy für Kurztrips und Unternehmungen angeschafft, auf denen ich mit so leichtem Gepäck wie möglich unterwegs sein will – und das Ding ist toll! Im nordischen Sommer tummeln sich die Insekten und da die Sonne bei uns nur für kurze Zeit untergeht, kann es im Zelt sehr heiß werden. Im Bug Bivy zu schlafen war ein völlig anderes Gefühl als im Zelt zu schlafen. Man kann bekommt die ganze Atmosphäre des Draußenseins mit, kann den sternenlosen (weil zu hell) Himmel betrachten, den Wind spüren und den Geruch von Wildblumen genießen, ohne das einen die Mücken leersaugen.
Der Bug Bivy wiegt nur 454g und kann dank des festen Bodenmaterials ohne Unterlage benutzt werden. Mir gefällt daran nicht so gut, dass man sich vom Kopfende her in den Biwaksack hineinrobben muss – ein Reißverschluss entlang der Seite würde das Rein- und Rauskrabbeln wesentlich erleichtern.
Zur Erheiterung ist noch eine Warnung vor Erstickungsgefahr drangenäht:


Wer, um Himmels Willen, würde denn den Reißverschluss eines zum Insektenschutz gedachten Biwacksacks offenlassen, auf dass die Blutsauger hereinkommen? Ich habe ihn schön zugelassen, bin trotzdem nicht erstickt und kann mir auch nicht vorstellen, wie einem das Ersticken darin gelingen soll.

Tarp. Rein farblich gesehen ist MECs Silicone Scout Tarp (Foto siehe oben beim Bug Bivy) schrecklich, aber das ist auch der einzige Nachteil, den ich daran finden kann. Die Größe von 2,9 x 2,1m gibt einen guten Schutz für eine Person ab, und es wiegt nur 515g. Außer den verstärkten Abspannringen entlang der Kanten hat es noch einen verstärkten Mittelpunkt mit Schlaufe zu bieten, sodass man das Tarp daran auch von einem Ast hängen oder von unten durch Treibholz oder ein Paddel wie ein Tipi aufschlagen kann. Dank des sehr lichtdurchlässigen Materials sitzt man nicht im Dunkeln.
Tja, und dann ist da noch das Zelt.

Mein uraltes Moss Outlander Zelt liebe ich über alles. Ich habe das immer dehnbarere Außenzelt und die kaputten Reisverschlüsse so lange gehegt und gepflegt, wie es machbar war, aber diesen Sommer musste ich mir leider eingestehen, dass unsere Beziehung vor dem Endpunkt stand. Den Hersteller Moss, Fabrikant der wunderschönsten und hochqualitativsten Zelte, gibt es leider schon lange nicht mehr. Daher musste ich mich nach etwas anderem umsehen und entschied mich nach endlosen Vergleichen und langem Zögern für das Nook von MSR.

Ich wollte ein geräumiges Ein-Personen-Zelt, in das man sich zur Not auch zu zweit reinquetschen kann. Leicht sollte es sein und von guter Qualität. Wie die meisten neuen Zelte von MSR sind auch die Materialien des Nook hauchdünn und leicht, und die Größe ist haargenau das, was mir vorschwebte.
Der Schocker an dem Zelt – etwas, das ich absolut nicht verstehen kann: Das Außenzelt ist am Ende knapp 10cm zu kurz. Das Innenzelt ragt darunter heraus und wird an der Stelle bei Regen nass. Da das Fußende des Innenzelts somit zum Einwandzelt wird, sammelt sich dort je nach Temperatur auch Kondensation.
Mir ist wirklich schleierhaft, warum MSR dort mit Material gespart hat und warum dieser gravierende Designfehler in Zelttesten nicht erwähnt wird. Ansonsten deckt das Außenzelt überall gut ab. Ich war hin- und hergerissen, ob ich das Ding umtauschen soll, aber da ich mich für kein anderes Modell erwärmen konnte, habe ich widerwillig beschlossen, das Außenzelt selbst zu verlängern. Traurig, dass man ein $450,- Zelt von einem angesehenen Hersteller abändern muss, damit man bei Regen ein trockenes Innenzelt einpacken kann.
Das Nook hat diesen Somer alles von Sturmböen und Hitze bis hin zu Regen mitgemacht. Wenn man es voll abspannt, überlebt es starken Wind recht gut, auch wenn es zittert und wackelt – im Gegensatz zu meinem heißgeliebten Moss ist es ja kein 4-Jahreszeiten oder alpines Zelt, von daher muss man das erwarten. Die beiden Ventilationsklappen am Außenzelt gefallen mir sehr und halfen, die Temperaturen erträglich zu halten. Die hellgraue Farbe von Außen- und Innenzelt finde ich nicht gerade schön, aber es ist dadurch sehr hell im Zelt.
Das Nook wiegt ganze 1,46kg. Wenn das Außenzelt nicht zu kurz wäre, fände ich es nicht schlecht.
Da mich das MSR Nook nicht gerade begeistert und ich seit kurzem eine Nähmaschine besitze, habe ich beschlossen, mich an einem neuen Außenzelt für mein geliebtes Moss Outlander zu versuchen. Die Nähmaschine habe ich mir hauptsächlich angeschafft, weil es nirgendwo mehr Fleecehosen zu kaufen gibt (ein Kleidungsstück, das wir sieben Monate im Jahr tragen) – aber warum nicht dieses wunderbare alte Zelt aufmöbeln?

20.10.15

Morgenlied

Heute Morgen auf dem Plumpsklo vernahm ich seltsame Geräusche, die alles andere als leise waren. Sie klangen ähnlich wie meine Versuche als Kind, auf einem mit Pergamentpapier bedeckten Kamm Musik zu machen: Zuerst ein tiefer Ton, der Note für Note höher stieg, bis er die Tonleiter wieder zum Ausgangston zurückkletterte.
Da es hier nirgendwo in der Nähe Kinder mit Kämmen gibt (nicht mal welche ohne), und da ich das seltsame kurze Lied keinem Tier zuordnen konnte, war es doch etwas unheimlich. Die Melodie verlor sich für einige Sekunden in der Stille des Morgens und begann dann erneut, diesmal etwas näher Richtung Plumpsklo. Auf einmal ertönte sie aus dem Wald neben mir.
Ich spähte ins noch schummrige Gehölz und konnte dort mit Mühe die pummelige kleine Gestalt des Stachelschweins ausmachen, das häufig bei uns „Rasenmähen“ kommt. Prompt sang es wieder sein kurzes Lied. Ob es wohl nach seinem kleineren Kumpan rief? Denn ich war erstaunt gewesen, unseren Stachler heute Morgen Seite an Seite zu einem zweiten Gras fressen zu sehen. Das Kleine war mir fremd und es hatte auch Angst vor mir – vielleicht ist es das Junge von unserem Stammstachelschwein?
Den seltsamen Klänge, die sich völlig anders als die Töne in dem Kürbisvideo anhören, kann man auf diesem kurzen Audioclip lauschen (unser Schweinderl singt allerdings schöner).

Eine rätselhafte Spezies – und offenbar sind es tatsächlich unsere Glücksschweine. Denn heute Morgen bin ich in einem Kanada aufgewacht, das nach fast einem Jahrzehnt unter der arroganten und intoleranten Regierung von Stephen Harper endlich der Conservative Party die Macht entrissen hat. Yippee!!! Es gibt wieder Hoffnung für ein besseres Kanada, in dem die Natur und Tierwelt nicht mehr gnadenlos dem Dollar zum Fraß vorgeworfen werden.

16.7.15

Kajaktagebuch

Lange Spinnwebenfäden wehen sinnlich vom Ufer über das Wasser; die Insektenvorlage fürs Fliegenfischen. Mein Paddel taucht in den widergespiegelten Himmel, die Wälder und Berge ein, zieht mich nach vorn, während das eiskalte Wasser unter meinem Kiel weggeleitet.


Ich stelle mein Zelt auf einer sandigen Landzunge auf – eine langwierige Angelegenheit, da das Zelt brandneu ist und ich es erst zum zweiten Mal aufstelle. Motorboote brummen vorbei. Es ist Wochenende und ich zelte an einer Engstelle des Sees. Meine Landzunge ist nur durch etwa 200 Meter Wasser von einer großen Insel getrennt. Doch als es spät wird (auf richtige Dunkelheit muss man hier noch ein paar Wochen warten), wird der See still, bis nur noch das Geplätscher des Wassers am Ufer zu hören ist. Ich schlafe ein.
Gegen 5 Uhr wecken mich Schritte: Ein Stachelschwein schlurft an meinem Zelt vorbei und wird so argwöhnische und kurzsichtige Blicke darauf, wie es nur ein Stachelschwein kann. Es beschnüffelt einen Zweig, den ich am Abend gestreift hatte, und schleicht sich wieder in den Wald. Ein Stündchen döse ich noch, dann drängt mich ein dringendes Bedürfnis aus dem Zelt. Als ich wieder hineingehen will, lässt mich das Gebrüll eines Elchs erstarren. Brüllende Elche klingen beunruhigend ähnlich wie Löwen.
Schnell verstecke ich mich im Zelt. Krach, krach, krach – ich höre, wie der Elch auf den Strand zu rennt, sage ein kurzes Stoßgebet für mein Kajak, und dann platscht es ohrenbetäubend. Vorsichtig stecke ich den Kopf heraus und sehe eine Elchkuh mit zwei Kälbern auf die Insel zu schwimmen. Ich will gerade nach der Kamera greifen, als sie den Kopf wendet und wieder brüllt.
Krach, krach, krach – noch etwas kommt aus dem Wald gerannt. Aus irgendeinem Grund denke ich, dass es noch ein Elch ist. Ich gucke aus dem Zelt, doch es ist kein Elch. Fünf oder sechs Meter neben meinem Zelt steht ein Schwarzbär und schaut mich überrascht an.
Ich habe mich immer gefragt, was ich tun würde und wie ich mich fühlen würde, wenn ich einen Bären im Lager habe. Ich muss ihn verscheuchen. Zuhause habe ich das schon ein paar Mal gemacht, wenn ein Bär zu viel Interesse an unserem Blockhaus zeigte, aber hier habe ich nur dünne Nylonwände zum Schutz. Ich schnappe mir das Bärenspray, entsichere es, gehe aus dem Zelt und ziele auf den Bären. Es ist völlig windstill, ich könnte ihn problemlos ansprühen. Aber dann hätte ich nicht mehr viel Pfefferspray für die restlichen zehn Tage meiner Tour übrig.
„Hau ab! Geh! Du musst abhauen! Geh schon!”
Der Bär hat sich noch nicht bewegt. Groß ist er nicht, vielleicht drei oder vier Jahre alt, und er zeigt keinerlei Anzeichen von Aggressivität. Er scheint nur neugierig zu sein und erstaunt darüber, was aus seiner Elchjagd geworden ist. Ich beschließe, ihn nur anzusprühen, falls er näher kommt. „Hau ab! Verpiss dich!”
Nach fünf oder sechs Sekunden des Überlegens wirbelt der Bär herum und rennt in den Wald zurück, kommt aber ungefähr fünfzehn Meter hinter meinem Zelt wieder auf den Strand herunter, wo ein Baum umgefallen ist. Er spitzt durch die Äste. Lärm, ich muss mehr Lärm machen und ihm zeigen, wie dominant ich bin. Ich nehme ein Stück Treibholz und fange an, damit auf ein anderes Stück Holz einzudreschen, während ich gleichzeitig den Bären anbrülle.
Der Bär starrt mich an, als habe ich den Verstand verloren. Ich komme mir allmählich blöd vor und erinnere mich plötzlich, endlich an meine bear bangers – Knallraketen, die wie Böller explodieren. Als ich sie aus dem Zelt hole, erreicht die Elchkuh mit ihren Kälbern das andere Ufer. Der Bär bewegt sich ein paar Schritte von mir weg, hält dann wieder an, schaut zu den Elchen hinüber, schaut mich an.
Ich ziele den bear banger in seine Richtung, leicht nach oben, so dass er über dem Wasser explodiert und keinen Waldbrand auslöst.
Ka-buuumm! Buuummm! Buuuumm! Buuuumm!
Die Explosion hallt von den Bergen wider und der Bär zögert nicht länger: Er rennt in den Wald zurück und zeigt sich nicht mehr, während ich mein Zelt zusammenpacke und alles im Kajak verstaue. Der See ist wieder still und die Elchkälber in Sicherheit, zumindest für diesen einen Morgen, an dem die Spinnen neue Fäden über das Wasser werfen und mein Paddel nach den Spiegelbildern der Berge greift.

22.4.15

Trockenessen selbstgemacht

Es gibt nicht viele Dinge, die einen hungrigen Wanderer mehr quälen als der Geruch von in Olivenöl brutzelndem Knoblauch und Steak – ganz besonders, wenn man selbst nach einer 10tägigen Wanderung vor einem Teller kalter Spaghetti ohne Soße sitzt. Ich weiß das, denn genau so saß ich mit einer Freundin vor ewigen Jahren auf dem North Boundary Trail in den Rocky Mountains da. Die ganzen zehn Tage lang hatten wir von Energieriegeln und Pasta gezehrt, für die wir aus Suppenpulver Soße machten, bis wir am letzten Tag keine mehr hatten. Dann hieß es, Spaghetti pur zu essen, und kalt obendrein, da sie uns beim Abgießen in den Dreck gefallen waren. Das war der Moment, als ich mir beim verführerischen Knoblaucharoma von jemandem schwor, der den Trail gerade von der anderen Richtung begonnen hatte, in Zukunft unterwegs besser zu essen. Zudem ist es kein Spaß, Spaghetti für zehn Tage zu schleppen.

Fast zwanzig Jahre später:
 

Nein, das ist kein mutierter Schleimschimmel, sondern: Joghurt! Und zwar mein völlig erfolgloser Versuch, Joghurt zu trocknen. Getrocknet ist er zwar und hat sich verzweifelt am Backblech festgeklammert (man soll wohl Backpapier verwenden, aber da ist hier im Wald recht schwer dranzukommen).

Das Problem war, dass er später nicht wieder richtig Konsistenz annehmen wollte. Widerspenstige Klümpchen wollten sich nicht auflösen, und das ganze schmeckte wie Wasser mit Joghurtgeschmack. Da ich nicht allzu verzweifelt danach lechze, beim nächsten Kajaktrip Joghurt löffeln zu können, habe ich’s nicht noch mal versucht und bin lieber bei meinen bewährten Zutaten geblieben. Tomatensoße trocknet ähnlich wie Fruchtleder und hält sich jahrelang, wenn man sie kühl und trocken lagert:


Ich mache mir nie die Mühe, vor dem Trocknen richtige Tomatensoße zu kochen, sondern würze einfach das Tomatenmark, das ich dann dünn auf einem Backblech verteile. Ein paar Stunden später ist es fertig. (Ganze Rezepte und detaillierte Anleitungen findet ihr hier nicht, nur ein paar Anregungen zum Essentrocknen. Einen Apparat braucht man sich dafür nicht extra zu kaufen – experimentiert einfach mit euerm Ofen auf niedrigster Stufe.)
Erbsensuppe funktioniert auch gut und wird zu kleinen Bröseln, die man mit der Kuchenrolle auch pulverisieren könnte. Doch die Brösel lösen sich in Wasser wieder völlig auf. Bohnen für Chili und Tortillas lassen sich ebenso leicht trocknen.


Vorgebratenes Elchhackfleisch ist schnell zu trocknen und sehr praktisch: Ich kann es unterwegs der Tomatensoße oder Bohnen beigeben, oder es mit Curry würzen. Das Schöne daran, sein eigenes Campingessen zu trocknen, ist nicht nur, dass man weiß, es macht einen satt, sondern es schmeckt auch (und kostet nur einen Bruchteil der kommerziellen Packungen).


Auch vom Elch stammt das Trockenfleisch, das sich als Snack eignet und auch eine gute Zugabe für andere Mahlzeiten ist:


Wenn ihr dieses Jahr campen gehen wollt - warum nicht euer getrocknetes Lieblingsessen mitnehmen?

14.2.15

Zweisamkeit in der Einsamkeit

Meine vier Monate Einsamkeit sind am Donnerstag in einer Wolke aufgepeitschten Schnees und Rotorlärm zu Ende gegangen: Der Hubschrauber landete auf unserer Wiese und mein Freund, frisches Gemüse, Antibiotika für meine inzwischen chronische Mandelentzündung, sowie leider auch die Grippe kamen heraus.



Ein versteckter Beobachteter hätte die wilde Hektik, in die ich in den Tagen vor der Ankunft meines Partners verfiel, sicherlich äußerst unterhaltsam gefunden. Tagelang hetzte ich mit Hammer, Lasurfarbe, Besen und Geschirrtuch durch die Cabin, leicht behindert von unerwarteten Übersetzungsarbeiten und den letzten Korrekturen an meinem im März erscheinenden Buch. Denn so wie das Wildnisleben nun einmal ist, konzentrierten sich meine Vorbereitungen für das Willkommenheißen meines Freundes darauf, den Möbeln, die ich in seiner Abwesenheit gebaut hatte, den letzten Schliff zu geben, die Werkzeuge wegzuräumen und mehr Wasser und Feuerholz einzulagern, statt mich eine Gurkenmaske aufzutragen. Das würde schon an den mangelnden Gurken scheitern.
Abgesehen von einer außergewöhnlich hässlichen Dusche gibt es in unserem winzigen Badezimmer nun ein Waschbecken. Nach 16 Jahren, in denen ich mich immer an der Küchenspüle gewaschen habe, lacht mein Herz jeden Morgen, wenn ich im neuen Badezimmer stehe. Die Toilette ist aber da geblieben, wo sie hingehört: Draußen, wo man mit etwas Glück das Polarlicht beobachten kann, während man mit trivialeren Dingen beschäftigt ist.



Und nachdem wir auf dem Sofa jahrelang unsere Teller auf dem Schoß balanciert haben, sind wir nun im Besitz eines richtigen Esstisches. Die Sitzbank dient gleichzeitig der Hundefutteraufbewahrung (wir haben im Moment zwanzig 20kg Säcke Futter da, von denen der Rest in einem neuen Hundefutterschrank und unter dem Sofa gebunkert ist). Dann habe ich auch noch Türen und eine Rausziehkieste auf Rollen für das riesige Vorratsregal gebaut, das die dritte Küchenwand bildet.



Meistens bin ich stumm, wenn ich zum ersten Mal nach so langen Monaten die ersten Menschen sehe, und stehe mit einem breiten Lächeln da; aber irgendwie hat der Hubschrauber nicht sämtliche Worte aus meinem Kopf gescheucht – ich kann stolz berichten, dass ich mich sofort halbwegs intelligent und verständlich äußern konnte! Während des Entladens des Helikopters, Umarmungen mit meinem grippekranken Freund und Smalltalk mit dem Piloten hüpfte ich mit den aufgeregten Hunden in einem Glückstanz umher. Ich liebe diese langen Zeiten der Einsamkeit, aber dieser Winter war nicht einfach, da ich im November einen kranken mit dem Hubschrauber zum Tierarzt ausfliegen musste, ungewöhnlich wenige Wildtiere ums Haus hatte, durch die Mandelentzündung ständig von Halsschmerzen geplagt war und mein alter Hund immer tattriger wird.
Jetzt bin ich wieder in der Menschenwelt und überglücklich darüber.

2.2.15

Mondaufgang

Jetzt wirft die Sonne meinen Schatten nicht mehr so weit vor mich hin, wenn ich nach Norden gehe. Meine Schattenfrau hält sich nun nahe bei mir, eine flache blaugraue Pfütze zu meinen Füßen, während die Sonne sich eine ganze Handbreit über die Berge schwingt und das Land jeden Tag mit mehr Licht überflutet. Zur Wintersonnenwende hatte sie sich mit nur einem Fingerbreit Himmel unter sich über die Gipfel gearbeitet.
Es ist kalt; so einigermaßen zumindest: Die -30° haben sich eingefunden, aber dank des gleißenden Sonnenscheins und unserer großen Südfenster wird es so warm in der Cabin, dass ich tagsüber kaum heizen muss.
Mein alter Hund trägt nun auf Spaziergängen außer Booties auch noch eine warme Weste. In den letzten Wochen hatte er drei Schwächeanfälle und ich habe unsere Runden noch mehr verkürzt. Ich habe begonnen, das Abschiednehmen von ihm zu üben. Ich kuschele mit ihm auf dem großen Hundekissen, das die Sonne einfängt und von dem wir auf den See und die Berge schauen können, und präge mir das Gefühl von seinem Kopf unter meiner Hand ein. Ich atme seinen Geruch tief ein, der jetzt wieder ein leichtes Unteraroma von Urin trägt, genau wie damals, als ich ihn als Welpen aus dem Tierheim geholt habe.



Ich erzähle ihm Geschichten von früher, wie er kleiner als mein Kater gewesen war und nur aus Haut und Knochen und urinverklebtem Fell bestand. Er erinnert sich an die Worte „Kitty, Kitty“ und spitzt die Ohren. Wir hängen unseren Erinnerungen nach, bis zu der Zeit, wo wir noch Straßenanschluss und einen Truck hatten – seine Augen glänzen, als ich „Truck“ sage -, und daran, wie er ungehorsam gewesen war und Elchen hinterhergehetzt ist. Er kennt das Wort für Elche.
Aber meist liegen wir nur still da und genießen den Sonnenschein, der sich über den Blockhausboden schiebt, bis es Nacht wird und der Mond aufgeht und die Kälte hochsteigt.