14.2.15

Zweisamkeit in der Einsamkeit

Meine vier Monate Einsamkeit sind am Donnerstag in einer Wolke aufgepeitschten Schnees und Rotorlärm zu Ende gegangen: Der Hubschrauber landete auf unserer Wiese und mein Freund, frisches Gemüse, Antibiotika für meine inzwischen chronische Mandelentzündung, sowie leider auch die Grippe kamen heraus.



Ein versteckter Beobachteter hätte die wilde Hektik, in die ich in den Tagen vor der Ankunft meines Partners verfiel, sicherlich äußerst unterhaltsam gefunden. Tagelang hetzte ich mit Hammer, Lasurfarbe, Besen und Geschirrtuch durch die Cabin, leicht behindert von unerwarteten Übersetzungsarbeiten und den letzten Korrekturen an meinem im März erscheinenden Buch. Denn so wie das Wildnisleben nun einmal ist, konzentrierten sich meine Vorbereitungen für das Willkommenheißen meines Freundes darauf, den Möbeln, die ich in seiner Abwesenheit gebaut hatte, den letzten Schliff zu geben, die Werkzeuge wegzuräumen und mehr Wasser und Feuerholz einzulagern, statt mich eine Gurkenmaske aufzutragen. Das würde schon an den mangelnden Gurken scheitern.
Abgesehen von einer außergewöhnlich hässlichen Dusche gibt es in unserem winzigen Badezimmer nun ein Waschbecken. Nach 16 Jahren, in denen ich mich immer an der Küchenspüle gewaschen habe, lacht mein Herz jeden Morgen, wenn ich im neuen Badezimmer stehe. Die Toilette ist aber da geblieben, wo sie hingehört: Draußen, wo man mit etwas Glück das Polarlicht beobachten kann, während man mit trivialeren Dingen beschäftigt ist.



Und nachdem wir auf dem Sofa jahrelang unsere Teller auf dem Schoß balanciert haben, sind wir nun im Besitz eines richtigen Esstisches. Die Sitzbank dient gleichzeitig der Hundefutteraufbewahrung (wir haben im Moment zwanzig 20kg Säcke Futter da, von denen der Rest in einem neuen Hundefutterschrank und unter dem Sofa gebunkert ist). Dann habe ich auch noch Türen und eine Rausziehkieste auf Rollen für das riesige Vorratsregal gebaut, das die dritte Küchenwand bildet.



Meistens bin ich stumm, wenn ich zum ersten Mal nach so langen Monaten die ersten Menschen sehe, und stehe mit einem breiten Lächeln da; aber irgendwie hat der Hubschrauber nicht sämtliche Worte aus meinem Kopf gescheucht – ich kann stolz berichten, dass ich mich sofort halbwegs intelligent und verständlich äußern konnte! Während des Entladens des Helikopters, Umarmungen mit meinem grippekranken Freund und Smalltalk mit dem Piloten hüpfte ich mit den aufgeregten Hunden in einem Glückstanz umher. Ich liebe diese langen Zeiten der Einsamkeit, aber dieser Winter war nicht einfach, da ich im November einen kranken mit dem Hubschrauber zum Tierarzt ausfliegen musste, ungewöhnlich wenige Wildtiere ums Haus hatte, durch die Mandelentzündung ständig von Halsschmerzen geplagt war und mein alter Hund immer tattriger wird.
Jetzt bin ich wieder in der Menschenwelt und überglücklich darüber.

2.2.15

Mondaufgang

Jetzt wirft die Sonne meinen Schatten nicht mehr so weit vor mich hin, wenn ich nach Norden gehe. Meine Schattenfrau hält sich nun nahe bei mir, eine flache blaugraue Pfütze zu meinen Füßen, während die Sonne sich eine ganze Handbreit über die Berge schwingt und das Land jeden Tag mit mehr Licht überflutet. Zur Wintersonnenwende hatte sie sich mit nur einem Fingerbreit Himmel unter sich über die Gipfel gearbeitet.
Es ist kalt; so einigermaßen zumindest: Die -30° haben sich eingefunden, aber dank des gleißenden Sonnenscheins und unserer großen Südfenster wird es so warm in der Cabin, dass ich tagsüber kaum heizen muss.
Mein alter Hund trägt nun auf Spaziergängen außer Booties auch noch eine warme Weste. In den letzten Wochen hatte er drei Schwächeanfälle und ich habe unsere Runden noch mehr verkürzt. Ich habe begonnen, das Abschiednehmen von ihm zu üben. Ich kuschele mit ihm auf dem großen Hundekissen, das die Sonne einfängt und von dem wir auf den See und die Berge schauen können, und präge mir das Gefühl von seinem Kopf unter meiner Hand ein. Ich atme seinen Geruch tief ein, der jetzt wieder ein leichtes Unteraroma von Urin trägt, genau wie damals, als ich ihn als Welpen aus dem Tierheim geholt habe.



Ich erzähle ihm Geschichten von früher, wie er kleiner als mein Kater gewesen war und nur aus Haut und Knochen und urinverklebtem Fell bestand. Er erinnert sich an die Worte „Kitty, Kitty“ und spitzt die Ohren. Wir hängen unseren Erinnerungen nach, bis zu der Zeit, wo wir noch Straßenanschluss und einen Truck hatten – seine Augen glänzen, als ich „Truck“ sage -, und daran, wie er ungehorsam gewesen war und Elchen hinterhergehetzt ist. Er kennt das Wort für Elche.
Aber meist liegen wir nur still da und genießen den Sonnenschein, der sich über den Blockhausboden schiebt, bis es Nacht wird und der Mond aufgeht und die Kälte hochsteigt.