2.2.15

Mondaufgang

Jetzt wirft die Sonne meinen Schatten nicht mehr so weit vor mich hin, wenn ich nach Norden gehe. Meine Schattenfrau hält sich nun nahe bei mir, eine flache blaugraue Pfütze zu meinen Füßen, während die Sonne sich eine ganze Handbreit über die Berge schwingt und das Land jeden Tag mit mehr Licht überflutet. Zur Wintersonnenwende hatte sie sich mit nur einem Fingerbreit Himmel unter sich über die Gipfel gearbeitet.
Es ist kalt; so einigermaßen zumindest: Die -30° haben sich eingefunden, aber dank des gleißenden Sonnenscheins und unserer großen Südfenster wird es so warm in der Cabin, dass ich tagsüber kaum heizen muss.
Mein alter Hund trägt nun auf Spaziergängen außer Booties auch noch eine warme Weste. In den letzten Wochen hatte er drei Schwächeanfälle und ich habe unsere Runden noch mehr verkürzt. Ich habe begonnen, das Abschiednehmen von ihm zu üben. Ich kuschele mit ihm auf dem großen Hundekissen, das die Sonne einfängt und von dem wir auf den See und die Berge schauen können, und präge mir das Gefühl von seinem Kopf unter meiner Hand ein. Ich atme seinen Geruch tief ein, der jetzt wieder ein leichtes Unteraroma von Urin trägt, genau wie damals, als ich ihn als Welpen aus dem Tierheim geholt habe.



Ich erzähle ihm Geschichten von früher, wie er kleiner als mein Kater gewesen war und nur aus Haut und Knochen und urinverklebtem Fell bestand. Er erinnert sich an die Worte „Kitty, Kitty“ und spitzt die Ohren. Wir hängen unseren Erinnerungen nach, bis zu der Zeit, wo wir noch Straßenanschluss und einen Truck hatten – seine Augen glänzen, als ich „Truck“ sage -, und daran, wie er ungehorsam gewesen war und Elchen hinterhergehetzt ist. Er kennt das Wort für Elche.
Aber meist liegen wir nur still da und genießen den Sonnenschein, der sich über den Blockhausboden schiebt, bis es Nacht wird und der Mond aufgeht und die Kälte hochsteigt.

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