16.7.15

Kajaktagebuch

Lange Spinnwebenfäden wehen sinnlich vom Ufer über das Wasser; die Insektenvorlage fürs Fliegenfischen. Mein Paddel taucht in den widergespiegelten Himmel, die Wälder und Berge ein, zieht mich nach vorn, während das eiskalte Wasser unter meinem Kiel weggeleitet.


Ich stelle mein Zelt auf einer sandigen Landzunge auf – eine langwierige Angelegenheit, da das Zelt brandneu ist und ich es erst zum zweiten Mal aufstelle. Motorboote brummen vorbei. Es ist Wochenende und ich zelte an einer Engstelle des Sees. Meine Landzunge ist nur durch etwa 200 Meter Wasser von einer großen Insel getrennt. Doch als es spät wird (auf richtige Dunkelheit muss man hier noch ein paar Wochen warten), wird der See still, bis nur noch das Geplätscher des Wassers am Ufer zu hören ist. Ich schlafe ein.
Gegen 5 Uhr wecken mich Schritte: Ein Stachelschwein schlurft an meinem Zelt vorbei und wird so argwöhnische und kurzsichtige Blicke darauf, wie es nur ein Stachelschwein kann. Es beschnüffelt einen Zweig, den ich am Abend gestreift hatte, und schleicht sich wieder in den Wald. Ein Stündchen döse ich noch, dann drängt mich ein dringendes Bedürfnis aus dem Zelt. Als ich wieder hineingehen will, lässt mich das Gebrüll eines Elchs erstarren. Brüllende Elche klingen beunruhigend ähnlich wie Löwen.
Schnell verstecke ich mich im Zelt. Krach, krach, krach – ich höre, wie der Elch auf den Strand zu rennt, sage ein kurzes Stoßgebet für mein Kajak, und dann platscht es ohrenbetäubend. Vorsichtig stecke ich den Kopf heraus und sehe eine Elchkuh mit zwei Kälbern auf die Insel zu schwimmen. Ich will gerade nach der Kamera greifen, als sie den Kopf wendet und wieder brüllt.
Krach, krach, krach – noch etwas kommt aus dem Wald gerannt. Aus irgendeinem Grund denke ich, dass es noch ein Elch ist. Ich gucke aus dem Zelt, doch es ist kein Elch. Fünf oder sechs Meter neben meinem Zelt steht ein Schwarzbär und schaut mich überrascht an.
Ich habe mich immer gefragt, was ich tun würde und wie ich mich fühlen würde, wenn ich einen Bären im Lager habe. Ich muss ihn verscheuchen. Zuhause habe ich das schon ein paar Mal gemacht, wenn ein Bär zu viel Interesse an unserem Blockhaus zeigte, aber hier habe ich nur dünne Nylonwände zum Schutz. Ich schnappe mir das Bärenspray, entsichere es, gehe aus dem Zelt und ziele auf den Bären. Es ist völlig windstill, ich könnte ihn problemlos ansprühen. Aber dann hätte ich nicht mehr viel Pfefferspray für die restlichen zehn Tage meiner Tour übrig.
„Hau ab! Geh! Du musst abhauen! Geh schon!”
Der Bär hat sich noch nicht bewegt. Groß ist er nicht, vielleicht drei oder vier Jahre alt, und er zeigt keinerlei Anzeichen von Aggressivität. Er scheint nur neugierig zu sein und erstaunt darüber, was aus seiner Elchjagd geworden ist. Ich beschließe, ihn nur anzusprühen, falls er näher kommt. „Hau ab! Verpiss dich!”
Nach fünf oder sechs Sekunden des Überlegens wirbelt der Bär herum und rennt in den Wald zurück, kommt aber ungefähr fünfzehn Meter hinter meinem Zelt wieder auf den Strand herunter, wo ein Baum umgefallen ist. Er spitzt durch die Äste. Lärm, ich muss mehr Lärm machen und ihm zeigen, wie dominant ich bin. Ich nehme ein Stück Treibholz und fange an, damit auf ein anderes Stück Holz einzudreschen, während ich gleichzeitig den Bären anbrülle.
Der Bär starrt mich an, als habe ich den Verstand verloren. Ich komme mir allmählich blöd vor und erinnere mich plötzlich, endlich an meine bear bangers – Knallraketen, die wie Böller explodieren. Als ich sie aus dem Zelt hole, erreicht die Elchkuh mit ihren Kälbern das andere Ufer. Der Bär bewegt sich ein paar Schritte von mir weg, hält dann wieder an, schaut zu den Elchen hinüber, schaut mich an.
Ich ziele den bear banger in seine Richtung, leicht nach oben, so dass er über dem Wasser explodiert und keinen Waldbrand auslöst.
Ka-buuumm! Buuummm! Buuuumm! Buuuumm!
Die Explosion hallt von den Bergen wider und der Bär zögert nicht länger: Er rennt in den Wald zurück und zeigt sich nicht mehr, während ich mein Zelt zusammenpacke und alles im Kajak verstaue. Der See ist wieder still und die Elchkälber in Sicherheit, zumindest für diesen einen Morgen, an dem die Spinnen neue Fäden über das Wasser werfen und mein Paddel nach den Spiegelbildern der Berge greift.

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