29.10.16

Ein langer Weg für eine kleine Bärin



Ein winziges braunes Fellbündel späht misstrauisch aus der Hundetransportbox. Die kleine Bärin traut uns nicht: Wir haben sie gerade in ein Quarantänegehege des Northern Lights Wildlife Shelter gebracht. In den letzten Tagen haben Menschen sie mit einer Nadel gepiekt, woraufhin sie das Bewusstsein verlor, sie dann in den Transportkäfig gesperrt und in lauten, stinkigen Autos an diesen völlig fremden Ort gebracht. 

Ihre lange Reise begann an einem Wanderpfad in den Kootenays, an dem sie immer wieder mutterseelenallein gesehen wurde. Nachdem in der Dorfverwaltung die Telefone wegen des kleinen Bären heißklingelten, wurde der Pfad gesperrt – damit sowohl den Menschen als auch dem Bären nichts passierte. Die Dorfbewohner behielten das Tier im Auge und meldeten es den zuständigen Wildhütern, sowie dem NLWS. Die kleine Bärin war nun zwar bekannt, aber die Frage war, ob sie für das Rehabilitationsprogramm in Smithers in Frage kam. 

Um sicherzustellen, dass ein Jungbär tatsächlich keine Mutter mehr hat, muss das Tier über mehrere Tage hinweg alleine gesehen werden. Und so sehr man vielleicht versucht ist, einem untergewichtigen Bärenwaisen Futter hinzustellen – gefütterte Bären werden nicht für das Rehabilitationsprogramm zugelassen (da sie später als ausgewachsene Bären eventuell alle Menschen mit Futter assoziieren und dadurch gefährlich werden können). 

Die Dorfbewohner in der Kootenay-Region passten daher auf, dass niemand seinen Müll bärenzugänglich herumliegen ließ, und niemand gab dem Tier zu fressen. Bevor überhaupt einer der besonders zur Jagdsaison überlasteten Wildhüter vor Ort geschickt wurde, konnte mithilfe von Fotos die Größe der Jungbärin, und damit auch ihr Alter, bestimmt werden. Denn nur Bärenjunge, die unter 12 Monate alt sind, kommen für das Programm in Frage.

Sie war winzig, definitiv dieses Jahr geboren, und somit eine Kandidatin für das NLWS. Allerdings befand sie sich über tausend Kilometer von Smithers entfernt. Auch hier kamen wieder zahlreiche Menschen zur Hilfe. Die Frachtgesellschaft Bandstra Transportation, die verwaisten Wildtieren schon seit vielen Jahren hilft, indem sie die Vierbeiner umsonst transportiert, beförderte die Bärin bis nach Prince George. Dort verpasste sie allerdings den Anschlusslaster nach Smithers. Nach einem Hilferuf auf der Facebook-Seite von NLWS fand sich eine Freiwillige, die das Tier die restlichen vier Stunden zum Shelter fuhr.  

Jetzt ist das abgemagerte Bärenkind endlich im NLWS und in Sicherheit. Die kleine Bärin wiegt nur 28 Pfund und ist wesentlich kleiner als die 36 Bären, die schon seit einiger Weile im Shelter in Pflege sind und alle auf ähnliche Weise hergekommen sind. Man glaubt kaum, dass sie genauso alt ist. Sie ist äußerst nervös, und ich bin es auch. Dies ist der erste Bär, um den ich mich alleine kümmern werde. 

Ich bin nun dafür verantwortlich, ihr Gehege sauber zu halten und dafür zu sorgen, dass sie frisches Wasser, Früchte und Gemüse bekommt, um ein normales Gewicht zu erreichen (die andern Schwarzbären hier wiegen alle zwischen 50 bis 120 Pfund). Das Northern Lights Wildlife Shelter hat eine ausgezeichnete Erfolgsstatistik, Bären so zu rehabilitieren, dass sie nach dem Auswildern nicht zu Problemtieren werden. Ich schulde es dem NLWS, dieser Bärin und dem Dorf, das sich so sehr bemüht hat, ihr das Leben zu retten, dass das auch so bleibt. Das Bärenkind und ich werden einen Weg finden müssen, einander zu respektieren, wenn ich in ihrem Gehege bin, ohne dass wir uns beim zwei Mal täglichen Füttern anfreunden.

Die kleine Bärin kann nicht wissen, was wir mit ihr vorhaben, und auch nicht, was für Reaktionen ihre Bewegungen bei uns auslösen werden. Vorsichtig schleicht sie sich aus dem Transportkäfig. Sie behält uns argwöhnisch im Auge, findet aber den Mut, sich sofort über die Früchte herzumachen, die wir für sie hingelegt haben. Ihr Lebenswille und ihr Hunger sind von solcher Leidenschaft, dass sie schon zu fressen beginnt, bevor wir uns aus dem Gehege zurückziehen können. Ihre lange Reise zurück in die Freiheit hat soeben begonnen.  

25.10.16

Unter Bären



Ich hätte gedacht, dass 36 Schwarzbären ziemlich viel Lärm machen. Aber abgesehen von ein paar kuhähnlichen Lauten sind die Jungbären erstaunlich leise. Ein paar sitzen in Bäumen, andere jagen sich wie Kinder beim Kriegen spielen, und ein weiterer sitzt gemütlich mit dem Rücken gegen den Drahtzaun gelehnt, der diese verwaisten Bärenjungen von der Freiheit trennt. Diese Bären hätten nur äußerst geringe Überlebenschancen, wenn da nicht der Zaun und die Freigebigkeit so vieler Menschen und Geschäfte wären. Und es geht ja nicht nur um Bären: Außer über 350 Schwarzbären sind auch zahllose andere Wildtiere im Northern Lights Wildlife Shelter in Smithers, B.C., gesundgepflegt und wieder ausgewildert worden.

In meinem Kopf dreht sich dank der neuen Eindrücke und Informationen alles: Wie man die Quarantänekäfige richtig reinigt, wo die Futtereimer nach dem Waschen wieder hinkommen, welche Tiere wie viel von welchem Futter bekommen. „Einen Hirscheimer schnippeln“ ist Volontär-Slang für das Kleinschneiden von Früchten und Gemüse für die Hirschkälber, die hier wie die Bären eine zweite Chance erhalten. Eins der Schwarzwedelhirschkälber, das hier zur Zeit in Pflege ist, verdankt sein Leben einem Farmer. Der war gerade mit dem Auto unterwegs gewesen und sah im Straßengraben eine hochschwangere, tödlich angefahrene Hirschkuh. Er stieg aus und brachte das Kalb per Kaiserschnitt im Straßengraben zur Welt. Die kleine Waisin Friday bekommt abends mit ihrem Ziehbruder Trooper noch immer eine Flasche Milch – damit locken wir sie zu ihrer eigenen Sicherheit abends ins sichere Gehege zurück, denn tagsüber laufen die beiden schon frei mit einer andern Ziehschwester herum.
Ich bin ein brandneues Teammitglied im NLWS und schaue den andern beiden Volontären zu, wie sie ruhig und besonnen die Bären füttern. Jetzt werden sie doch etwas lauter. Äpfel, Kürbisse, Karotten, Fleisch und Fisch regnen nur so aus den Plastikkisten und werden im Gehege verteilt, sodass auch die unterwürfigsten Bären genügend zur Fressen bekommen.

Fasziniert beobachte ich, wie die pummeligen Jungbären keinerlei Versuch machen, sich den Pflegern zu nähern. Wie wilde Tiere, die sie ja auch schließlich sind, weichen sie den Volontären aus und verschlingen das Futter, das komplett aus Spenden von Supermärkten und Tierfreunden besteht.  
Während die Bären in einem Teil des Geheges fressen, beginnen die Pfleger, den andern Teil mit geradezu meditativer Konzentration und Ruhe zu säubern. Kot wird in Eimer geharkt, der Wassertrog geleert, geschrubbt und wieder gefüllt. Ich schaue mir alles ganz genau an, stopfe noch mehr Informationen in meinen bereits brummenden Kopf (bei Dünnpfiff Besen und Schaufel benutzen statt Harke und Schaufel!). Da ich für ein ganzes Jahr hier bin, werde ich diese Arbeiten bald auch machen.

Nur Volontäre, die sich für mindestens sechs Monate verpflichten, dürfen sich um die Bärenjungen kümmern. Dadurch kann sichergestellt werden, dass die Bären während ihrer Zeit im Shelter nur mit äußerst wenigen Menschen in Berührung kommen und somit menschenscheu bleiben. Weil die Pfleger sich über lange Monate hinweg täglich (auch an seinem freien Tag muss man die Bären füttern, für die man verantwortlich ist!) um dieselben Tiere kümmern, wird gewährleistet, dass Veränderungen im Gesundheitszustand der Tiere schnellstmöglich bemerkt werden.

Das Northern Lights Wildlife Shelter, eine gemeinnützige Organisation, die seit 26 Jahren ohne jegliche Zuschüsse vom Staat tätig ist, hat einen außerordentlich guten Ruf, was die Rehabilitation von verwaisten Wildtieren angeht – und ganz besonders, was Bären betrifft. Das Bärenprogramm ist dermaßen erfolgreich, dass NLWS als weltweit einzige Organisation auch verwaiste Grizzlyjunge aufpäppeln und wieder auswildern darf. Alle Bären werden mit Ohrmarkierungen und Lippentätowierungen in die Freiheit entlassen, einige auch mit GPS-Halsbändern. Den kanadischen Umweltvorschriften entsprechend werden die aus ganz British Columbia stammenden Bären wieder in genau der Gegend ausgewildert, in der sie gefunden wurden. 

Aber das geschieht erst im Sommer, zu genau der Zeit, wo diese kleinen Bären auch in der Natur ihre Mutter verlassen würden. Das braune Bärenjunge, das aufrecht dasitzt und geschickt einen Apfel auf dem Handrücken seiner Vorderpranke balanciert, lässt seinen Blick über die andern 35 Bären schweifen, dann den Drahtgeflechtzaun, der mit Geldspenden und einem freiwilligen Arbeitseinsatz gebaut wurde. Dann schaut es wieder auf seinen Apfel und dreht ihn, um noch einen Biss davon zu fressen.

Plötzlich sehe ich den Zaun, in dem ein stabiler Drahtfaden in den andern greift, und die Bären in Sicherheit hält, nicht mehr als eine Art Trennwand. Er scheint mir vielmehr ein Symbol für das Hilfsnetz zu sein, mit dem die unterschiedlichsten Menschen und Geschäftsführer auf ihre Art und im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür sorgen, dass verwaiste Wildtiere eine zweite Chance bekommen.
    

16.10.16

Ich bin gut angekommen



… und seitdem mit der Pflegeunterstützung von 36 Schwarzbärenjungen, drei Rehkitzen, einem Puma und einem Luchs im Northern Lights Wildlife Shelter schwer beschäftigt; vor allem, da ich nebenher noch an meiner Übersetzung von Robert McCammons ausgezeichnetem historischen Roman „Speaks the Nightbird“ sitze und zwei Zeitungskolumnen schreibe.

Die Eisenbahnfahrt von Prince Rupert nach Smithers war schön und auch etwas lustig: Der Zugfahrplan auf den Sitzen war eine Fotokopie unterster Qualität, was sich etwas mit dem auf vornehm getrimmten Glaskuppelwaggon des Zugs biss.



VIA Rail hat offensichtlich schon bessere Zeiten erlebt, aber die Landschaft ist unverändert atemberaubend.


Ich wurde am Bahnhof von Smithers abgeholt und zur Wildtierhilfe gefahren, wo ich aufs herzlichste von den andern freiwilligen Helfern und der Großfamilie, die die Einrichtung betreibt, willkommen geheißen wurde.
Ich bin hergekommen, um dabei zu helfen, verwaisten Wildtieren eine zweite Chance zu geben und mehr über Tiere zu lernen, aber ich kann jetzt schon sehen, dass ich hier mehr und vielfältigere Erfahrungen machen werde, als ich erwartet habe.

1.10.16

Auf der Alaskafähre


Mein Zuhause verschwindet in der lachsfarbenen Morgendämmerung. Vor mir liegen ein paar Tage im nächsten Dorf, ein Tag in Whitehorse, der Metropole des Yukon, zwei Tage in Skagway, Alaska (alles mit meinem Freund zusammen) - und dann noch ein paar Tage per Fähre und Zug nach Smithers. Es ist ein langsames Eintauchen in die Zivilisation, ein Einfühlen ins ständig von Menschen umgeben sein. Aber unsere zwei Monate in Alaska und mein Deutschland-Trip diesen Sommer haben schon sehr geholfen, und ich fühle mich nicht ständig erschöpft.

In Skagway liegt das letzte Kreuzfahrtschiff des Jahres vor Anker. Es gibt eine erstaunliche Anzahl von Juweliergeschäften. Ich bin sicher schon über zehn Jahre nicht mehr in Skagway gewesen und kann mich nicht erinnern, dass es damals schon so viele Diamanten- und Schmuckläden gab. Vielleicht war mir das auch einfach nicht aufgefallen. Die Stadt hat ihren Ursprung im Klondike Goldrausch und war damals darin spezialisiert, den möchte-gern-Goldsuchern so viel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen. Heute hat sich dieser Fokus wohl auf Kreuzfahrtpassagiere verlagert.


An unserem letzten gemeinsamen Tag wandern mein Freund und ich ein paar Stunden auf dem Chilkoot Trail, auf dem sich damals die Abertausende von Goldsuchern über das Küstengebirge gequält haben. Und dann ist endlich relaxen angesagt! Wir hatten die letzten Wochen immer so viel zu tun, dass ich nicht mal aufgeregt bin.

Als die Fähre am nächsten Morgen mit mir an Bord aus dem Hafen fährt, verschwinden mein Sweetie, unser Hund und Skagway in der Morgendämmerung (anscheinend lasse ich ständig was in der Dämmerung zurück).

Die Fähre ist halbleer und es gibt kein Gedränge um die Liegen im Solarium. Hier oben an Deck schläft es sich am besten: Man ist vor Wind und Wetter geschützt, und dank der Heizstrahler an der Decke ist es nachts angenehm warm.

Eine Kabine braucht man auf den Alaskafähren wirklich nicht. Jedermann kann umsonst duschen, und selbst das Essen kann man kostensparend organisierend, da es heißes Wasser und Mikrowellenbenutzung gratis gibt. Am westlichen und östlichen Horizont ziehen Berge und Gletscher vorbei (die Route geht durch den Irrgarten aus südost Alaskas Inseln).

Die meisten Passagiere, die in Skagway und Haines an Bord kamen, steigen in Juneau schon wieder aus.

Nach ein paar Stunden im Hafen und neuerlichem Passagierzuwachs fahren wir in die Nacht und den stärker werdenden Wind.


Ich habe diese Fährfahrt schon mal vor über 20 Jahren gemacht, kann mich aber an Petersburg nicht erinnern - vielleicht hielt die Fähre dort nachts? Es wirkt jedenfalls wie ein wunderschöner Ort:


Die Bojen, die die Fahrrinne markieren, sind unter den Petersburgischen Seelöwen sehr beliebt. Sie spielen so was wie "Die Reise nach Jerusalem", als die Fähre drna vorbeipflügt: Wer die Nerven verliert und von der Boje ins Wasser springt, wird von seinen brüllenden Kameraden dran gehindert, wieder einen Platz darauf einzunehmen.


Und so vergeht der erste, dann der zweite Tag. Dichtbewaldete Inseln und Bergketten schieben sich in Sicht, fallen hinter uns zurück. Das Meer wird grau, als der Himmel sich bewölkt. Geisterhaftes Pfeifen kommt von den Stahlseilen der Rettungsboote im Wind, und unter meinen Füßen vibriert die Fähre. Irgendwo im Süden fangen die Bahngleise an, die mich zurück nach Kanada und zu den verwaisten Bären führen werden.