1.10.16

Auf der Alaskafähre


Mein Zuhause verschwindet in der lachsfarbenen Morgendämmerung. Vor mir liegen ein paar Tage im nächsten Dorf, ein Tag in Whitehorse, der Metropole des Yukon, zwei Tage in Skagway, Alaska (alles mit meinem Freund zusammen) - und dann noch ein paar Tage per Fähre und Zug nach Smithers. Es ist ein langsames Eintauchen in die Zivilisation, ein Einfühlen ins ständig von Menschen umgeben sein. Aber unsere zwei Monate in Alaska und mein Deutschland-Trip diesen Sommer haben schon sehr geholfen, und ich fühle mich nicht ständig erschöpft.

In Skagway liegt das letzte Kreuzfahrtschiff des Jahres vor Anker. Es gibt eine erstaunliche Anzahl von Juweliergeschäften. Ich bin sicher schon über zehn Jahre nicht mehr in Skagway gewesen und kann mich nicht erinnern, dass es damals schon so viele Diamanten- und Schmuckläden gab. Vielleicht war mir das auch einfach nicht aufgefallen. Die Stadt hat ihren Ursprung im Klondike Goldrausch und war damals darin spezialisiert, den möchte-gern-Goldsuchern so viel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen. Heute hat sich dieser Fokus wohl auf Kreuzfahrtpassagiere verlagert.


An unserem letzten gemeinsamen Tag wandern mein Freund und ich ein paar Stunden auf dem Chilkoot Trail, auf dem sich damals die Abertausende von Goldsuchern über das Küstengebirge gequält haben. Und dann ist endlich relaxen angesagt! Wir hatten die letzten Wochen immer so viel zu tun, dass ich nicht mal aufgeregt bin.

Als die Fähre am nächsten Morgen mit mir an Bord aus dem Hafen fährt, verschwinden mein Sweetie, unser Hund und Skagway in der Morgendämmerung (anscheinend lasse ich ständig was in der Dämmerung zurück).

Die Fähre ist halbleer und es gibt kein Gedränge um die Liegen im Solarium. Hier oben an Deck schläft es sich am besten: Man ist vor Wind und Wetter geschützt, und dank der Heizstrahler an der Decke ist es nachts angenehm warm.

Eine Kabine braucht man auf den Alaskafähren wirklich nicht. Jedermann kann umsonst duschen, und selbst das Essen kann man kostensparend organisierend, da es heißes Wasser und Mikrowellenbenutzung gratis gibt. Am westlichen und östlichen Horizont ziehen Berge und Gletscher vorbei (die Route geht durch den Irrgarten aus südost Alaskas Inseln).

Die meisten Passagiere, die in Skagway und Haines an Bord kamen, steigen in Juneau schon wieder aus.

Nach ein paar Stunden im Hafen und neuerlichem Passagierzuwachs fahren wir in die Nacht und den stärker werdenden Wind.


Ich habe diese Fährfahrt schon mal vor über 20 Jahren gemacht, kann mich aber an Petersburg nicht erinnern - vielleicht hielt die Fähre dort nachts? Es wirkt jedenfalls wie ein wunderschöner Ort:


Die Bojen, die die Fahrrinne markieren, sind unter den Petersburgischen Seelöwen sehr beliebt. Sie spielen so was wie "Die Reise nach Jerusalem", als die Fähre drna vorbeipflügt: Wer die Nerven verliert und von der Boje ins Wasser springt, wird von seinen brüllenden Kameraden dran gehindert, wieder einen Platz darauf einzunehmen.


Und so vergeht der erste, dann der zweite Tag. Dichtbewaldete Inseln und Bergketten schieben sich in Sicht, fallen hinter uns zurück. Das Meer wird grau, als der Himmel sich bewölkt. Geisterhaftes Pfeifen kommt von den Stahlseilen der Rettungsboote im Wind, und unter meinen Füßen vibriert die Fähre. Irgendwo im Süden fangen die Bahngleise an, die mich zurück nach Kanada und zu den verwaisten Bären führen werden.


Kommentare:

  1. Du schreibst wie immer wunderbar aus der fuer mich so anderen Welt.
    Viel Glueck und Spass bei deiner neuen Aufgabe mit Baeren und anderem Getier.

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  2. Danke, und entschuldige die späte Antwort! Es ist toll hier bei den Bären :)

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