25.10.16

Unter Bären



Ich hätte gedacht, dass 36 Schwarzbären ziemlich viel Lärm machen. Aber abgesehen von ein paar kuhähnlichen Lauten sind die Jungbären erstaunlich leise. Ein paar sitzen in Bäumen, andere jagen sich wie Kinder beim Kriegen spielen, und ein weiterer sitzt gemütlich mit dem Rücken gegen den Drahtzaun gelehnt, der diese verwaisten Bärenjungen von der Freiheit trennt. Diese Bären hätten nur äußerst geringe Überlebenschancen, wenn da nicht der Zaun und die Freigebigkeit so vieler Menschen und Geschäfte wären. Und es geht ja nicht nur um Bären: Außer über 350 Schwarzbären sind auch zahllose andere Wildtiere im Northern Lights Wildlife Shelter in Smithers, B.C., gesundgepflegt und wieder ausgewildert worden.

In meinem Kopf dreht sich dank der neuen Eindrücke und Informationen alles: Wie man die Quarantänekäfige richtig reinigt, wo die Futtereimer nach dem Waschen wieder hinkommen, welche Tiere wie viel von welchem Futter bekommen. „Einen Hirscheimer schnippeln“ ist Volontär-Slang für das Kleinschneiden von Früchten und Gemüse für die Hirschkälber, die hier wie die Bären eine zweite Chance erhalten. Eins der Schwarzwedelhirschkälber, das hier zur Zeit in Pflege ist, verdankt sein Leben einem Farmer. Der war gerade mit dem Auto unterwegs gewesen und sah im Straßengraben eine hochschwangere, tödlich angefahrene Hirschkuh. Er stieg aus und brachte das Kalb per Kaiserschnitt im Straßengraben zur Welt. Die kleine Waisin Friday bekommt abends mit ihrem Ziehbruder Trooper noch immer eine Flasche Milch – damit locken wir sie zu ihrer eigenen Sicherheit abends ins sichere Gehege zurück, denn tagsüber laufen die beiden schon frei mit einer andern Ziehschwester herum.
Ich bin ein brandneues Teammitglied im NLWS und schaue den andern beiden Volontären zu, wie sie ruhig und besonnen die Bären füttern. Jetzt werden sie doch etwas lauter. Äpfel, Kürbisse, Karotten, Fleisch und Fisch regnen nur so aus den Plastikkisten und werden im Gehege verteilt, sodass auch die unterwürfigsten Bären genügend zur Fressen bekommen.

Fasziniert beobachte ich, wie die pummeligen Jungbären keinerlei Versuch machen, sich den Pflegern zu nähern. Wie wilde Tiere, die sie ja auch schließlich sind, weichen sie den Volontären aus und verschlingen das Futter, das komplett aus Spenden von Supermärkten und Tierfreunden besteht.  
Während die Bären in einem Teil des Geheges fressen, beginnen die Pfleger, den andern Teil mit geradezu meditativer Konzentration und Ruhe zu säubern. Kot wird in Eimer geharkt, der Wassertrog geleert, geschrubbt und wieder gefüllt. Ich schaue mir alles ganz genau an, stopfe noch mehr Informationen in meinen bereits brummenden Kopf (bei Dünnpfiff Besen und Schaufel benutzen statt Harke und Schaufel!). Da ich für ein ganzes Jahr hier bin, werde ich diese Arbeiten bald auch machen.

Nur Volontäre, die sich für mindestens sechs Monate verpflichten, dürfen sich um die Bärenjungen kümmern. Dadurch kann sichergestellt werden, dass die Bären während ihrer Zeit im Shelter nur mit äußerst wenigen Menschen in Berührung kommen und somit menschenscheu bleiben. Weil die Pfleger sich über lange Monate hinweg täglich (auch an seinem freien Tag muss man die Bären füttern, für die man verantwortlich ist!) um dieselben Tiere kümmern, wird gewährleistet, dass Veränderungen im Gesundheitszustand der Tiere schnellstmöglich bemerkt werden.

Das Northern Lights Wildlife Shelter, eine gemeinnützige Organisation, die seit 26 Jahren ohne jegliche Zuschüsse vom Staat tätig ist, hat einen außerordentlich guten Ruf, was die Rehabilitation von verwaisten Wildtieren angeht – und ganz besonders, was Bären betrifft. Das Bärenprogramm ist dermaßen erfolgreich, dass NLWS als weltweit einzige Organisation auch verwaiste Grizzlyjunge aufpäppeln und wieder auswildern darf. Alle Bären werden mit Ohrmarkierungen und Lippentätowierungen in die Freiheit entlassen, einige auch mit GPS-Halsbändern. Den kanadischen Umweltvorschriften entsprechend werden die aus ganz British Columbia stammenden Bären wieder in genau der Gegend ausgewildert, in der sie gefunden wurden. 

Aber das geschieht erst im Sommer, zu genau der Zeit, wo diese kleinen Bären auch in der Natur ihre Mutter verlassen würden. Das braune Bärenjunge, das aufrecht dasitzt und geschickt einen Apfel auf dem Handrücken seiner Vorderpranke balanciert, lässt seinen Blick über die andern 35 Bären schweifen, dann den Drahtgeflechtzaun, der mit Geldspenden und einem freiwilligen Arbeitseinsatz gebaut wurde. Dann schaut es wieder auf seinen Apfel und dreht ihn, um noch einen Biss davon zu fressen.

Plötzlich sehe ich den Zaun, in dem ein stabiler Drahtfaden in den andern greift, und die Bären in Sicherheit hält, nicht mehr als eine Art Trennwand. Er scheint mir vielmehr ein Symbol für das Hilfsnetz zu sein, mit dem die unterschiedlichsten Menschen und Geschäftsführer auf ihre Art und im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür sorgen, dass verwaiste Wildtiere eine zweite Chance bekommen.
    

Kommentare:

  1. So schön zu hören, dass du gut angekommen bist! Das NLWS hört sich toll an. Eine gute Zeit!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Danke! Auf der NLWS Facebook-Seite sind immer die aktuellen News, so schnell komme ich mit dem Posten nicht hinterher.
      Heute haben wir einen jungen Grizzly bekommen ... es war herzzerreißend zu sehen, mit welcher Verzweiflung und Wut sie die Zäune ihres Geheges attackiert hat. Die Eingewöhnungsphase dauert immer einige Tage.

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  2. Ich hatte mir noch nie ueberlegt, was fuer Laute Baeren machen. Warum hatte ich sie mir immer nur still vorgestellt?

    Wuerde sie gerne mal hoeren.

    Viel Glueck euch, den Baeren, und den anderen Tieren!

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  3. Vielleicht kann ich die Geräusche ja aufnehmen und irgendwie, irgendwann auf den Blog hochladen. Beim Fressen grummeln sie sich alle brummend in den Bart, das hört sich so wie "Njam, njam, njam, njam" an :)
    Beim Spielen und kleinen Auseinandersetzungen grölen sie manchmal so, dass man denkt, ein Mensch wird grad ermordet :)

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