3.11.16

Freud und Leid




 Es ist schrecklich mit anzusehen, mit welcher Wut und Verzweiflung die junge Grizzlybärin am Zaun reißt. Sie brüllt und brüllt, attackiert den Zaun erneut, zerrt mit Zähnen und Krallen daran, sucht nach einer Schwachstelle, wo sie ausbrechen und flüchten kann. Das Rasseln des Zauns ertrinkt in ihrem Knurren. Sie wirbelt herum und beginnt, beim Tor wie wild in der Erde zu graben, stöhnt und brüllt. Ihr Atem hängt wie kleine graue Nebelwolken in der Luft, löst sich auf und treibt dorthin, wo sie nicht hinkann: durch den Zaun zurück in die Freiheit.  

Ich stehe wie versteinert angesichts ihrer Qual. Ich weiß nicht, ob ich ihr Gebrüll jemals wieder vergessen kann. Wenn wir ihr doch nur verständlich machen könnten, dass sie hier in Sicherheit ist und im Sommer wieder freigelassen wird. Es ist tieftraurig, ihr zuzusehen, und ebenso traurig zu wissen, dass dieser Schicksalsweg komplett vermeidbar gewesen ist. Ihre Mutter wurde in Bella Coola getötet und ihr Bruder starb, weil Futterquellen im Ort nicht bärensicher gehalten worden und die Grizzlyfamilie immer wieder mitten in das Dorf lockten.

Vor neun Jahren hat das Northern Lights Wildlife Shelter als weltweit erste Einrichtung die Erlaubnis bekommen, auch verwaiste Grizzlyjunge zu retten und wieder auszuwildern. Achtzehn kleinen Grizzlys haben Peter und Angelika Langen seitdem das Leben gerettet. Peter zieht die Falltür auf, die der verzweifelten kleinen Bärin Zugang zum Rest des großen Grizzlygeheges gibt. Ihre Beine sind nur ein verwischter Fellfleck, als sie ins Gehege rennt, immer weiter, bis sie am andern Ende angelangt ist. Als sie den Zaun erreicht, brüllt sie erneut. Sie schert nach links aus und rennt am Zaun entlang, sucht nach einem Schlupfloch in die Freiheit. Aber da ist keins.

Die 37 verwaisten Schwarzbären in den andern Gehegen lassen keinen Pieps von sich hören, während die Grizzlybärin weiter wütet und langsam müde wird. Mir kommen die Schwarzbären im Vergleich nun sehr kleinlaut und zahm vor. Eine Aufgabe haben wir heute aber noch, und die ist die reinste Freude: Wir können Huck wieder mit seiner Schwester Lavender zusammenführen. Huck ist ein kleiner Schwarzbär, der ganz plötzlich schwer krank geworden war und nun dank Angelika, der Anstrengungen des Tierarztes und unseres Volontärs Jesse wieder genesen ist. Woran er erkrankt ist, wissen wir noch immer nicht. Die Blutwerte und der Autopsiebefund seiner andern Schwester, die die gleichen Symptome hatte und leider nicht überlebte, haben bisher noch keine klare Antwort ergeben.

Vorsichtig setzen wir die Transportbox in Lavenders Gehege ab. Kaum, dass Angelika die Tür der Box öffnet, rennt Huck hinaus, weg von uns, und erklimmt instinktiv den Zaun (Schwarzbären bringen sich am liebsten in Sicherheit, indem sie in die Höhe klettern). Es ist toll zu sehen, wie stark er nun wieder ist – kein Vergleich zu den schwachen Bären vor zehn Tagen, der seine Beine nicht unter Kontrolle hatte. Er hängt mit allen Vieren am Zaun. Plötzlich geht sein Kopf hin und her, seine Nase zuckt: Er kann seine Schwester riechen. Lavender, die sich in ihrer Schlafhöhle versteckt hat, späht zu ihm hinaus. Langsam löst Huck seine Pranken vom Zaun und klettert herunter, marschiert zur Höhle hinüber, wo Lavender ihm schon den Kopf entgegenreckt. 

Beide brummeln leise, als sie sich begrüßen, stoßen sich sanft mit der Nase an. Huck klettert zu Lavender in die Höhle, und wir strahlen alle, als die beiden Geschwister sich aneinander schmiegen und sich immer wieder beriechen. Leise schließen wir die Tür des Geheges, und mir fällt mir auf, dass die Grizzlybärin endlich nicht mehr brüllt. Im NLWS liegen Freu und Leid so dicht beieinander – nicht nur für die Tiere, sondern auch ihre Pfleger.





Kommentare:

  1. Du schreibst so toll, es rührt mich sehr. Ich kann alles vor mir sehen, fast bin ich dabei gewesen. Vielen Dank!
    Bele Wilcke

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  2. Danke, es freut mich, wenn ich euch die Tiere auf diese Art nahebringen kann :)

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