29.12.16

Winterschlaf



Tiefgefrorene Bärenkacke bei -20°C vom Boden los zu hacken ist eine Kunst, die ich noch nicht perfekt beherrsche. Man muss im richtigen Winkel und mit genau der richtigen Kraft zuschlagen, sonst bleibt die Wurst fest verankert.

Ich werde bei meinen wintersportlichen Bemühungen von Knopfaugen in den Tiefen der Bärenhöhlen beobachtet. Ich frage mich, was die Tiere wohl von meiner Besessenheit mit ihren frostigen Verdauungsprodukten halten. Auch die Bärenjungen, die nicht Winterruhe halten, sind in den kalten Temperaturen wesentlich weniger aktiv geworden und verbringen die meiste Zeit in ihren Höhlen, schön ins Stroh und an ihre Ziehgeschwister gekuschelt. Ich spähe in jedes kleines Bärenhäuschen, um sicher zu stellen, dass es allen gut geht, und stelle erstaunt fest, dass aus einem, in dem zwei schwarze Bären hausen, diesmal zwei braune Gesichter zurückgucken. Ich schaue in den andern Höhlen nach und stelle fest, dass die Bären ihre Behausungen getauscht haben.   

Dies sind die Jungbären, die erst im Herbst im Northern Lights Wildlife Shelter angekommen sind und deren Mission für diesen Winter einzig und allein das Essen ist. Denn ein Bärenjunges muss mindestens 60 Pfund auf die Waage bringen, um Winterruhe halten zu können – aber ein paar der Neuzugänge wiegen nur zwischen 22 und etwas über 30 Pfund.

Im anderen großen Gehege, in dem die 31 Bärchen Winterruhe halten, die schon früher im Jahr hier eingetroffen sind und genügend Speck anfressen konnten, herrscht absolute Stille. Bären schlafen nicht den ganzen Winter über. Sie rumoren auch in ihrer Höhle herum, machen Fellpflege, richten ihr Polster aus Ästen und (bei uns) Stroh, und gucken auch ab und zu mal nach draußen oder essen ein paar maulvoll Schnee. Aber den Großteil der Zeit dämmern sie vor sich hin.  

Der Winterschlaf im Northern Lights Wildlife Shelter unterscheidet sich natürlich von der Winterruhe, die Bären in der Wildnis halten würden. Die Bären hier haben Häuschen (ähnlich wie überdimensionale Hundehütten) mit einem Lager aus Stroh und Ästen, damit wir sie auch wieder sauber machen können. Aber im Herbst haben wir die Ernährung der für die Winterruhe in Frage kommenden Tiere so umgestellt, dass sie die immer kalorienärmere Nahrung widerspiegelte, die Bären zu dieser Jahreszeit in der Wildbahn finden würden.

Als es klar war, dass diese 31 Jungbären genügend wogen, um den Winter über ruhen zu können, hörten wir auf, das fruchtzuckerhaltigste Obst zu füttern und gaben dafür mehr Wurzelgemüse. Fisch und Fleisch blieb noch eine Weile länger auf dem Speiseplan, bis wir auch das enthielten. Wir brachten Fichtenzweige ins Gehege, mit denen die Bären nicht nur wir in der Wildnis ihre Winterhöhlen auspolstern konnten, sondern wodurch sie auch Rinde zur Verfügung hatten. Außer einem gesunden Körpergewicht, Nahrungsmangel und kalten Temperaturen ist nämlich auch das Kauen von Baumrinde, aus der sich ein Darmpfropf bildet, ein Stimulus für den Winterschlaf. 



Ende Oktober und Anfang November wurden die dicken Bärchen immer weniger aktiv und zogen es vor, ihre Zeit gemütlich in den Höhlen zu verbringen statt zu spielen und zu klettern. Selbst am Fressen verloren sie das Interesse: Statt des üblichen Interesses rief die alltägliche Ankunft der Futtereimer fast Widerwillen hervor. Die Bären kamen mir vor wie Langschläfer, die sich zum Frühstück aus dem Bett quälen mussten. Wir stellten das Füttern von täglich auf alle drei Tage um – auch in der Wildnis finden Bären im Spätherbst nicht mehr jeden Tag etwas zu fressen. Und dann begrüßte uns eines Tages nur noch Stille im Gehege. Die 31 Bären waren im Winterschlaf versunken.

Falls einige der untergewichtigen Jungbären, die wir jetzt noch weiter füttern, genügend zunehmen, könnten sie im Spätwinter noch für ein paar Monate Winterruhe halten. Im Moment jedoch geben sie uns noch genug zu tun: Jeden Tag müssen die Futtereimer zubereitet werden … und die Hinterlassenschaften aus dem Schnee und Eis gemeißelt werden.

16.12.16

Fragen? Morgen Abend könnt ihr sie stellen!



Wir haben gestern noch zwei kleine Bärchen hereinbekommen und damit nun insgesamt 44 verwaiste Bärenjunge in Pflege, die im Juni wieder ausgewildert werden.

Habt ihr Fragen an die Betreiberin des Northern Lights Wildlife Shelter? Morgen, also Samstag, um 23 Uhr deutscher Zeit (2pm Pacific Standard Time) steht Angelika Langen im Rahmen der Dawsons Lights Spendenaktion für eine Stunde in einer Fragen-und-Antwort-Session bereit.
Stellt eure Fragen morgen Abend ab 23 Uhr deutscher Zeit auf NLWS Facebook-Seite!

11.12.16

Wenn Bären Autogramme geben



Das betäubte Schwarzbärjunge in meinen Armen fühlt sich wie bloß ein Stückchen Fell an; es ist federleicht. Seine Beine baumeln durch das Betäubungsmittel locker herunter, und ich lehne mich zurück, damit sein Kopf nicht hin und her rollt. Ein wilder, scharfer Geruch mit einem Unteraroma wie von Gewürznelken steigt von ihm zu meiner Nase auf. Der kleine Bär hat gerade die übliche Aufnahmeprozedur im Northern Lights Wildlife Shelter durchlaufen: Er hat eine Ohrenmarkierung und einen Mikrochip bekommen, ist gewogen und entwurmt worden. Die Ohrenmarkierung kann helfen, ihn zu identifizieren, falls er nach dem Auswildern noch einmal irgendwo gesichtet wird, und die Wurmkur soll ihm helfen, schneller an Gewicht zu gewinnen und auch seine Pfleger davor zu schützen, sich von ihm Würmer einzufangen. Neben den Nummern der Ohrenmarkierung, seinem Gewicht und Notizen zu seinem allgemeinen Gesundheitszustand kommen auch seine Tatzenabdrücke in den Karteiordner. Die sind sein unwissentlicher Beitrag dazu, seinen Aufenthalt hier zu finanzieren helfen.

Damit die Bären menschenscheu bleiben, ist das Northern Lights Wildlife Shelter bis auf einen einzigen Tag im Jahr, dem 1. Juli, für die Öffentlichkeit geschlossen. Aber jeden Winter gibt es die Gelegenheit für Tierfreunde, eine ganz besondere Verbindung mit den Bärenjungen zu knüpfen: Während der alljährlichen Dawson's Lights Spendenaktion auf der Facebookseite des Shelters können während der Adventszeit Tatzenabdrücke gewonnen werden.

Die Aktion ist nach einem Bärenjungen namens Dawson benannt und war ursprünglich dafür ins Leben gerufen worden, um ein Satellitenhalsband für die ersten Monate nach Dawsons Auswildern anzuschaffen. Inzwischen ist daraus eine Tradition geworden, die der gemeinnützigen Einrichtung hilft, den finanziellen Grundstock für die laufenden Kosten aufrecht zu erhalten. Für jede gespendeten $20.- wird eine Glühbirne mehr an einem Weihnachtsbaum angemacht, und jeder Spender hat die Chance, einen Tatzenabdruck der inzwischen 41 Schwarzbären zu gewinnen, die wir diesen Winter in Pflege haben. Ein Foto und eine Kurzbeschreibung des jeweiligen Bären machen den Tatzenabdruck noch persönlicher. Das Ziel ist, bis zum 24. Dezember den ganzen Baum zu erleuchten.

Wozu ist es eigentlich gut, Geld für das Aufpäppeln verwaister Wildtiere auszugeben? Auf den ersten Blick scheint sich das Retten und Rehabilitieren von Wildtieren ganz darum zu drehen, das Leben eines individuellen Tieres zu retten. Die Jungtiere, die hier ankommen, würden ohne ihre Mutter kaum eine Überlebenschance in der Natur haben. Aber es geht um so viel mehr.
 
Die Zeit, die Tierwaisen in Pflege verbringen, bietet die seltene Gelegenheit, ihr Verhalten und Gesundheitsprobleme besser zu verstehen lernen. Aber die Rehabilitation von Wildtieren endet im Grunde nicht mit der Auswilderung, sondern hat einen durch die Generationen hinweg anhaltenden Effekt. Denn wenn die Tiere gesund und alt genug sind, um alleine in der Natur überleben zu können, fügen sie sich wieder in die wilde Population ein. 

Die Bären des Northern Lights Wildlife Shelter bekommen die meiste Aufmerksamkeit der Medien, aber das Shelter nimmt alle Säugetierarten an - darunter viele Hirsch- und Elchkälber. Im Gegensatz zu den Bären können die Hirsche und Elche direkt hier auswildert werden und kehren im Laufe der Jahre oft zurück, um einfach mal wieder vorbei zu schauen. Dadurch lässt sich der Langzeiterfolg der rehabilitierten Hirsch- und Elchkälber in freier Wildbahn wesentlich leichter verfolgen als der der Bären. Als Kälber hier aufgezogene Elchkühe, die Jahre später mit ihrem eigenen Kalb an der Seite auf Stippvisite vorbeikommen, illustrieren, dass hier mehr als immer nur ein individuelles Tierleben gerettet wird: Wir geben damit automatisch auch der potentiellen Nachkommenschaft eine Chance und helfen dadurch der gesamten Tierpopulation.        


Sanft lege ich das Bärchen wieder in sein Gehege, damit es in Ruhe aus der Betäubung aufwachen kann. Ich fahre noch einmal mit den Fingern über die kleinen Tatzen, deren Abdruck bald bei einer völlig fremden Person landen werden. Wie viele Menschen doch dafür sorgen, dass auch dieser Bär ein Leben in der Freiheit vor sich hat und seine Tatzenabdrücke eines Tages wieder entlang der Flüsse von British Columbias hinterlassen kann.   
  

1.12.16

Eimer voller Glück



Karotten sind widerlich – zumindest scheint das die Einstellung von Holly, einer der kleinen Bären, um die ich mich kümmere, zu sein. Seit sie am 14. November zum Northern Lights Wildlife Shelter gekommen ist, hat sie noch keine einzige gegessen. Berbere dagegen, ein anderer meiner Bären, mampft sie immer sofort auf. Ich habe gelernt, dass Bären nicht nur unterschiedliche Charaktere haben, sondern auch ihre eigenen Essensvorlieben.

Dieses Phänomen halte ich mir jeden Morgen erneut vor Augen, wenn ich die Futterkübel für meine Bären zubereite. Da 31 der verwaisten Bärchen inzwischen Winterruhe halten, haben wir nur die neun untergewichtigen Schwarzbären, die kleine Grizzlybärin, unsere Hirschkälber, sowie den Puma und den sibirischen Luchs zu versorgen. Die beiden Katzen sind die einzigen Wildtiere, die permanent im Shelter leben. Wir füllen außerdem noch drei bis vier 20-Liter Eimer für Elche und Hirsche, die hier im Laufe der Jahre als Kälber aufgepäppelt wurden und im Winter ab und zu mal vorbeischauen. Für Biologen ist das sehr praktisch, denn es ermöglicht ihnen, z.B. Parasitenbefall zu untersuchen. Wildtierrehabilitation leistet durch die Zusammenarbeit mit Forschern einen Beitrag dazu, die Tiere besser zu verstehen.

Wir schälen und schneiden, bis die Eimer mit Früchten und Obst gefüllt sind, das wir von den Supermärkten vor Ort sowie von Privatleuten gespendet bekommen. Immer, wenn wir in den Kartons eine Menge Lieblingsfrüchte unserer Schützlinge finden, rufen wir uns triumphierend zu: „Ananas!“, oder: „Wow, ein ganzer Karton mit Mangos!“ Wir sind genauso glücklich wie die Tiere, wenn wir ihnen ein Mahl servieren können, das sie nur so verschlingen werden.   

Heute haben wir nicht nur Futterkübel für die wachen Bären dabei, sondern auch vier große Müllkübel mit Herbstblättern. Genau wie die verrotteten Holzstämme, die wir ihnen immer wieder geben, damit sie nach Insektenlarven suchen, neue Gerüche erschnüffeln können und etwas zum Spielen haben, helfen die Blätter gegen Langeweile.

Aber zuerst machen wir im Hirschgehege Halt. Seit Wochen können die Kälber tagsüber schon ein und aus gehen, wie sie möchten. Auf diese Art können sie sich langsam ans Leben in der Freiheit gewöhnen, haben nachts aber immer noch die Sicherheit des abgeschlossenen Geheges, damit sie keinen Raubtieren zum Opfer fallen. Hirsche und Elche mäkeln nicht am Essen, sondern fressen so ziemlich alles. Unsere beiden Kälber beschweren sich allerdings, dass sie nun entwöhnt sind: Zum ersten Mal sind wir ohne ihre heißgeliebten Milchflaschen gekommen. Friday schaut mich mit großen, feuchten Augen an und beginnt, an meiner Jacke zu saugen, während ihr Ziehbruder Trooper uns immer wieder mit der Stirn in die Beine stößt, um Milch zum Fließen zu bringen. Ich bin froh, keine Hirschkuh zu sein. Er hat einen ganz schön harten Kopf. Aber bald schon trösten sich die beiden mit dem Gemüseeimer, und nachdem wir draußen die Elcheimer geleert haben, fahren wir weiter zu den Bärengehegen.

Die Bärenkinder kennen die Routine inzwischen: Erst wird sauber gemacht, dann gibt es Futter. Holly verschwindet schnell in ihrer Höhle, als ich anfange, Dreck, nasses Stroh und die Reste der letzten Mahlzeit wegzuschaufeln. Dann verstreue ich die Blätter für sie. Als ich ihr Gehege verlasse, kommt sie schnell aus der Höhle, um die neuen Gerüche zu untersuchen, und huscht dann wieder in ihr Versteck, als ich mit dem Futter hereinkomme.

Es ist fast wie ein Tanz. Wir bewegen uns hin und her, versuchen beide, dem andern nicht zu nahe zu kommen. Die Bären müssen uns allerdings immer ausweichen und werden notfalls mit etwas lautem Pusten unsererseits (eine Imitation des Geräusches, das ein Bär beim Scheinangriff macht) oder einem scharfen „Hey“ daran erinnert. Das klappt wunderbar und hilft auch, den Bären einzuprägen, dass man sich Menschen nicht nähern darf. Denn nur so können sie wieder in die Wildnis entlassen werden, ohne zu einer Gefahr zu werden.

Ich verstecke ein paar von Hollys Lieblingsfrüchten (Weintrauben!) unter den Blättern, damit sie danach stöbern kann. Ihr extrem guter Geruchssinn wird sie allerdings zielstrebig darauf zu führen – und sie schummelt auch: Jetzt, wo ich mit dem öden Saubermachen fertig bin, linst sie aus ihrer Höhle heraus und beobachtet genau, was ich mache. Bloß keine Panik, Holly, die Karotten hab ich für die andern Bären aufgehoben!