1.12.16

Eimer voller Glück



Karotten sind widerlich – zumindest scheint das die Einstellung von Holly, einer der kleinen Bären, um die ich mich kümmere, zu sein. Seit sie am 14. November zum Northern Lights Wildlife Shelter gekommen ist, hat sie noch keine einzige gegessen. Berbere dagegen, ein anderer meiner Bären, mampft sie immer sofort auf. Ich habe gelernt, dass Bären nicht nur unterschiedliche Charaktere haben, sondern auch ihre eigenen Essensvorlieben.

Dieses Phänomen halte ich mir jeden Morgen erneut vor Augen, wenn ich die Futterkübel für meine Bären zubereite. Da 31 der verwaisten Bärchen inzwischen Winterruhe halten, haben wir nur die neun untergewichtigen Schwarzbären, die kleine Grizzlybärin, unsere Hirschkälber, sowie den Puma und den sibirischen Luchs zu versorgen. Die beiden Katzen sind die einzigen Wildtiere, die permanent im Shelter leben. Wir füllen außerdem noch drei bis vier 20-Liter Eimer für Elche und Hirsche, die hier im Laufe der Jahre als Kälber aufgepäppelt wurden und im Winter ab und zu mal vorbeischauen. Für Biologen ist das sehr praktisch, denn es ermöglicht ihnen, z.B. Parasitenbefall zu untersuchen. Wildtierrehabilitation leistet durch die Zusammenarbeit mit Forschern einen Beitrag dazu, die Tiere besser zu verstehen.

Wir schälen und schneiden, bis die Eimer mit Früchten und Obst gefüllt sind, das wir von den Supermärkten vor Ort sowie von Privatleuten gespendet bekommen. Immer, wenn wir in den Kartons eine Menge Lieblingsfrüchte unserer Schützlinge finden, rufen wir uns triumphierend zu: „Ananas!“, oder: „Wow, ein ganzer Karton mit Mangos!“ Wir sind genauso glücklich wie die Tiere, wenn wir ihnen ein Mahl servieren können, das sie nur so verschlingen werden.   

Heute haben wir nicht nur Futterkübel für die wachen Bären dabei, sondern auch vier große Müllkübel mit Herbstblättern. Genau wie die verrotteten Holzstämme, die wir ihnen immer wieder geben, damit sie nach Insektenlarven suchen, neue Gerüche erschnüffeln können und etwas zum Spielen haben, helfen die Blätter gegen Langeweile.

Aber zuerst machen wir im Hirschgehege Halt. Seit Wochen können die Kälber tagsüber schon ein und aus gehen, wie sie möchten. Auf diese Art können sie sich langsam ans Leben in der Freiheit gewöhnen, haben nachts aber immer noch die Sicherheit des abgeschlossenen Geheges, damit sie keinen Raubtieren zum Opfer fallen. Hirsche und Elche mäkeln nicht am Essen, sondern fressen so ziemlich alles. Unsere beiden Kälber beschweren sich allerdings, dass sie nun entwöhnt sind: Zum ersten Mal sind wir ohne ihre heißgeliebten Milchflaschen gekommen. Friday schaut mich mit großen, feuchten Augen an und beginnt, an meiner Jacke zu saugen, während ihr Ziehbruder Trooper uns immer wieder mit der Stirn in die Beine stößt, um Milch zum Fließen zu bringen. Ich bin froh, keine Hirschkuh zu sein. Er hat einen ganz schön harten Kopf. Aber bald schon trösten sich die beiden mit dem Gemüseeimer, und nachdem wir draußen die Elcheimer geleert haben, fahren wir weiter zu den Bärengehegen.

Die Bärenkinder kennen die Routine inzwischen: Erst wird sauber gemacht, dann gibt es Futter. Holly verschwindet schnell in ihrer Höhle, als ich anfange, Dreck, nasses Stroh und die Reste der letzten Mahlzeit wegzuschaufeln. Dann verstreue ich die Blätter für sie. Als ich ihr Gehege verlasse, kommt sie schnell aus der Höhle, um die neuen Gerüche zu untersuchen, und huscht dann wieder in ihr Versteck, als ich mit dem Futter hereinkomme.

Es ist fast wie ein Tanz. Wir bewegen uns hin und her, versuchen beide, dem andern nicht zu nahe zu kommen. Die Bären müssen uns allerdings immer ausweichen und werden notfalls mit etwas lautem Pusten unsererseits (eine Imitation des Geräusches, das ein Bär beim Scheinangriff macht) oder einem scharfen „Hey“ daran erinnert. Das klappt wunderbar und hilft auch, den Bären einzuprägen, dass man sich Menschen nicht nähern darf. Denn nur so können sie wieder in die Wildnis entlassen werden, ohne zu einer Gefahr zu werden.

Ich verstecke ein paar von Hollys Lieblingsfrüchten (Weintrauben!) unter den Blättern, damit sie danach stöbern kann. Ihr extrem guter Geruchssinn wird sie allerdings zielstrebig darauf zu führen – und sie schummelt auch: Jetzt, wo ich mit dem öden Saubermachen fertig bin, linst sie aus ihrer Höhle heraus und beobachtet genau, was ich mache. Bloß keine Panik, Holly, die Karotten hab ich für die andern Bären aufgehoben!

Kommentare:

  1. Schön, von dir und den Bären zu hören! :-)
    Liebe Grüße
    Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich wünschte, ich könnte auch einen Soundtrack einbauen ... das Schnaufen der Scheinangriffe, das Schmatzen beim Fressen und das witzige "eh, eh!" der Hirschkälber :)Manchmal alles gleichzeitig.

      Löschen
  2. Toll, dass Du bei all der Arbeit noch zum Schreiben kommst! Freue mich über jeden Beitrag!
    LG Martina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mir graut ja schon fast davor, wenn die 31 Bären, die jetzt Winterruhe halten, wieder aktiv sind und dann im Frühsommer schon die erste Babyschwemme ankommt, bevor wir alle 42 Bären wieder ausgewildert haben O.O

      Löschen