11.12.16

Wenn Bären Autogramme geben



Das betäubte Schwarzbärjunge in meinen Armen fühlt sich wie bloß ein Stückchen Fell an; es ist federleicht. Seine Beine baumeln durch das Betäubungsmittel locker herunter, und ich lehne mich zurück, damit sein Kopf nicht hin und her rollt. Ein wilder, scharfer Geruch mit einem Unteraroma wie von Gewürznelken steigt von ihm zu meiner Nase auf. Der kleine Bär hat gerade die übliche Aufnahmeprozedur im Northern Lights Wildlife Shelter durchlaufen: Er hat eine Ohrenmarkierung und einen Mikrochip bekommen, ist gewogen und entwurmt worden. Die Ohrenmarkierung kann helfen, ihn zu identifizieren, falls er nach dem Auswildern noch einmal irgendwo gesichtet wird, und die Wurmkur soll ihm helfen, schneller an Gewicht zu gewinnen und auch seine Pfleger davor zu schützen, sich von ihm Würmer einzufangen. Neben den Nummern der Ohrenmarkierung, seinem Gewicht und Notizen zu seinem allgemeinen Gesundheitszustand kommen auch seine Tatzenabdrücke in den Karteiordner. Die sind sein unwissentlicher Beitrag dazu, seinen Aufenthalt hier zu finanzieren helfen.

Damit die Bären menschenscheu bleiben, ist das Northern Lights Wildlife Shelter bis auf einen einzigen Tag im Jahr, dem 1. Juli, für die Öffentlichkeit geschlossen. Aber jeden Winter gibt es die Gelegenheit für Tierfreunde, eine ganz besondere Verbindung mit den Bärenjungen zu knüpfen: Während der alljährlichen Dawson's Lights Spendenaktion auf der Facebookseite des Shelters können während der Adventszeit Tatzenabdrücke gewonnen werden.

Die Aktion ist nach einem Bärenjungen namens Dawson benannt und war ursprünglich dafür ins Leben gerufen worden, um ein Satellitenhalsband für die ersten Monate nach Dawsons Auswildern anzuschaffen. Inzwischen ist daraus eine Tradition geworden, die der gemeinnützigen Einrichtung hilft, den finanziellen Grundstock für die laufenden Kosten aufrecht zu erhalten. Für jede gespendeten $20.- wird eine Glühbirne mehr an einem Weihnachtsbaum angemacht, und jeder Spender hat die Chance, einen Tatzenabdruck der inzwischen 41 Schwarzbären zu gewinnen, die wir diesen Winter in Pflege haben. Ein Foto und eine Kurzbeschreibung des jeweiligen Bären machen den Tatzenabdruck noch persönlicher. Das Ziel ist, bis zum 24. Dezember den ganzen Baum zu erleuchten.

Wozu ist es eigentlich gut, Geld für das Aufpäppeln verwaister Wildtiere auszugeben? Auf den ersten Blick scheint sich das Retten und Rehabilitieren von Wildtieren ganz darum zu drehen, das Leben eines individuellen Tieres zu retten. Die Jungtiere, die hier ankommen, würden ohne ihre Mutter kaum eine Überlebenschance in der Natur haben. Aber es geht um so viel mehr.
 
Die Zeit, die Tierwaisen in Pflege verbringen, bietet die seltene Gelegenheit, ihr Verhalten und Gesundheitsprobleme besser zu verstehen lernen. Aber die Rehabilitation von Wildtieren endet im Grunde nicht mit der Auswilderung, sondern hat einen durch die Generationen hinweg anhaltenden Effekt. Denn wenn die Tiere gesund und alt genug sind, um alleine in der Natur überleben zu können, fügen sie sich wieder in die wilde Population ein. 

Die Bären des Northern Lights Wildlife Shelter bekommen die meiste Aufmerksamkeit der Medien, aber das Shelter nimmt alle Säugetierarten an - darunter viele Hirsch- und Elchkälber. Im Gegensatz zu den Bären können die Hirsche und Elche direkt hier auswildert werden und kehren im Laufe der Jahre oft zurück, um einfach mal wieder vorbei zu schauen. Dadurch lässt sich der Langzeiterfolg der rehabilitierten Hirsch- und Elchkälber in freier Wildbahn wesentlich leichter verfolgen als der der Bären. Als Kälber hier aufgezogene Elchkühe, die Jahre später mit ihrem eigenen Kalb an der Seite auf Stippvisite vorbeikommen, illustrieren, dass hier mehr als immer nur ein individuelles Tierleben gerettet wird: Wir geben damit automatisch auch der potentiellen Nachkommenschaft eine Chance und helfen dadurch der gesamten Tierpopulation.        


Sanft lege ich das Bärchen wieder in sein Gehege, damit es in Ruhe aus der Betäubung aufwachen kann. Ich fahre noch einmal mit den Fingern über die kleinen Tatzen, deren Abdruck bald bei einer völlig fremden Person landen werden. Wie viele Menschen doch dafür sorgen, dass auch dieser Bär ein Leben in der Freiheit vor sich hat und seine Tatzenabdrücke eines Tages wieder entlang der Flüsse von British Columbias hinterlassen kann.   
  

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