9.1.17

Es kommt ganz aufs Verhalten an



"Wollen wir Freunde sein?" ist nicht nur für Menschen eine Frage, die mit Herzklopfen gestellt wird, sondern auch für verwaiste Bärenkinder. Und die Frage stellt sich, sobald die kleinen Bären aus der Quarantäne entlassen und in die größeren Gehege und die Gesellschaft von andern Bären umziehen können.

Normalerweise bleiben Schwarzbärenjunge bei ihrer Mutter, bis sie 15-16 Monate alt sind. Für die verwaisten Bären im Northern Lights Wildlife Shelter ist diese Zeit viel zu früh zu Ende gegangen. Die Gesellschaft von andern Bärenjungen kann den kleinen Bären über das Trauma hinweghelfen, die Mutter und oft auch Geschwister verloren zu haben, und plötzlich in der Obhut von Menschen gelandet zu sein. Die Bären hier haben ihre  zwar ihre Familien verloren, können aber Trost bei ihren neuen Ziehbrüdern und -schwestern finden.

Holly
Freundschaften zu schließen dauert allerdings etwas und ist nicht einfach. Ich muss lächeln als ich Huck, den kleinen Schwarzbären beobachte, der im Oktober so krank gewesen war und inzwischen wieder voll genesen ist, wie er sich neben Hollys Höhle auf den Hintern setzt. Er passt auf, dass er nicht den Eingang blockiert, und reckt dann gaaaaanz langsam und vorsichtig den Hals, bis er um die Ecke in die Höhle gucken kann. Holly streckt die Nase ein paar Zentimeter weit heraus und Huck senkt sofort den Kopf, schaut weg und zieht sich ein wenig zurück. Holly tut es ihm nach, nur dass sie immer noch in ihrer Höhle sitzt, und ein paar Sekunden später späht Huck wieder vorsichtig hinein. Holly gibt kein wütendes Knurren von sich, aber kaum, dass sie den Kopf hinausstreckt, zieht Huck sich wieder etwas zurück. 

Die beiden probieren ganz sanft und langsam, wie nahe sie sich kommen können, ohne dass es dem andern zu aufdringlich ist. Holly ist in dieser Gruppe von sieben Schwarzbären die kleinste, aber die Größe diktiert nicht automatisch die Rangfolge in der Gruppe. Es kommt ganz und gar auf die Einstellung und das Verhalten an. Nachdem wir das Futter verteilt und das Gehege verlassen haben, beobachten meine Mitarbeiterin und ich die Bären ein paar Minuten lang von der andern Seite des Zauns aus.

Die Bären verwenden bei der Nahrungssicherung im Grunde nur zwei Strategien: Futter schnappen
Mr. Dill
und wegrennen, oder Futter schnappen und grummeln. Hollys Höhlenmitbewohner Dill (wir nennen ihn wegen seines ernsten und seriösen Auftretens "Mr." Dill) zieht letzteres vor. Er macht sich mitten in den Äpfeln und Birnen breit und grummelt eine Drohung vor sich hin, die sich wie "njam, njam, njam" anhört, sobald sich ein Bär nähert, der nicht zu seinen Freunden gehört. Das Gegrummel, in Kombination mit hochgezogenen Schultern und einer angespannten Körperhaltung, hält selbst die beiden größten Bären im Gehege auf Abstand.  


Huck dagegen schnappt sich lieber sein Futter und rennt damit in Sicherheit. Das Problem ist, dass er das Futter erst mal ergattern muss, um damit wegrennen zu können. Um Unsichtbarkeit bemüht, schleicht er Schritt um Schritt in Richtung Futter und benutzt dabei Hollys Höhlenhäuschen als Deckung vor dem größten Bären im Gehege. Aber der große Bär, der sich interessanter Weise nicht traut, dem kleineren Mr. Dill nahezukommen, hat Huck bereits im Visier und starrt ihn herausfordernd an.

Huck bleibt wie versteinert stehen und guckt sich schnell um, ob hinter ihm alles für einen schnellen rückzug frei ist. Das reicht dem großen Bären nicht: Er zieht die Schultern hoch, senkt den Kopf und macht die ersten schnellen Schritte eines Scheinangriffs auf Huck zu, der in Windeseile abdreht und seine Höhle flüchtet.

Scheinanrgiff von Clove auf Huck
Doch kaum, dass der große Bär sich einen Apfel geholt und den Futterplatz verlassen hat, schleicht Huck sich wieder an das Fressen an. Diesmal hat er Erfolg und läuft mit seinem Apfel im Maul davon, den Kopf triumphierend in die Höhe gereckt. 

Ob die sich anbahnende Freundschaft zwischen Huck und Holly wohl bedeutet, dass Hollys Höhlenmitbewohner Mr. Dill ihn ebenfalls als Kumpel akzeptieren wird? Ich bin gespannt!

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