15.2.17

Scheinangriffe sind auch etwas Schönes



Die kleinen Tatzen schlagen gegen die andere Seite der Tür des Quarantänekäfigs. Die Klauen klammern sich ans Gitter. Das Bärchen schnaubt zwei-, dreimal wütend und versucht, sich noch ein paar Sekunden lang verärgert gestzuhalten. Dann rutschen die beiden Ohren und die zuckende Nase aus meinem Blickfeld, gefolgt von den hellbraunen Krallen. Ein leises Plumps!, als das Bärenjunge auf dem Boden landet, und der Scheinangriff ist vorbei.

Ich bin außer mir vor Freude. Buckelig steht die kleine Bärin da, den wuscheligen Hintern in meine Richtung gestreckt, und wirft mir über die Schulter einen finsteren Blick zu, der schnell unsicher und dann ängstlich wird. Ich trete von der Tür zurück, bis sie mich nicht mehr sehen kann, um sie nicht weiter zu bedrängen, und schlinge die Arme um mich, ein ekstatisches Grinsen im Gesicht. Seit ich im Oktober als Volontärin im Northern Lights Wildlife Shelter angefangen habe, habe ich entdeckt, dass mir vom Scheinangriff eines Bärenkindes warm ums Herz werden kann.   
Mein kleines Sorgenkind
Denn ein Scheinangriff ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass das Tier genügend Kraft hat, um zu versuchen sich zu beschützen, sondern vor allem auch einen starken Lebenswillen hat. Bei manchen der kleinen Waisen kann man die Entscheidung, leben zu wollen, geradezu mitverfolgen. Diese kleine Bärin, die Anfang Januar in stark geschwächtem Zustand im Shelter angekommen war, hatte sich zuerst einfach zusammengerollt und sich fast katatonisch geweigert, etwas mit ihrer neuen Umgebung oder Futter zu tun zu haben. 

Das Northern Lights Wildlife Shelter folgt dem Leitgedanken, den Neuankömmlingen so wenig wie möglich Stress zu bereiten und auf die Fähigkeit der Tiere zu bauen, sich selbst zu heilen. Für Wildtiere, die natürlich keinerlei Menschenkontakt gewöhnt sind, ist es oft traumatisch untersucht oder angefasst zu werden. Ein stiller, trockener und geschützer Käfig vermindert den Stress bereits etwas. Wenn schwerwiegende Verletzungen oder Krankheiten vorliegen, kommt der Tierarzt zu Einsatz, aber ansonsten versuchen wir lediglich, den kleinen Tierwaisen eine sichere, friedliche Umgebung zu schenken, in der sie mit sehr verhaltener Ermutigung wieder gesund und stark werden können. 

Das erste Anzeichen, dass sich die kleine Bärin dafür entscheidet, am Leben bleiben zu wollen, ist ihre Kopfbewegung in Richtung des warmen, gesüßten Haferbreis. Wie in Zeitlupe schnüffelt sie an der Schüssel. Ich halte den Atem an und warte. Wird sie fressen? Die Sekunden vergehen, und dann streckt sie endlich ihre lange Zunge aus und beginnt zögernd am Brei zu lecken. Habe ich auch genügend Sirup hineingetan, um sie zum Fressen zu animieren? Anscheinend ja - denn sie noch etwas weiter, wirft uns dann einen angsterfüllten Blick zu und rollt sich zu einem Ball zusammen.

Das war der erste Schritt. Danach ging es langsam weiter. Wir wissen nicht, wie die kleine Bärin, die zusammengerollt auf einer Maschine im Garten eines Hauses gefunden wurde, ihre Mutter verloren hat, aber angesichts ihres mageren Körpers muss sie schon eine ganze Weile lang auf sich allein gestellt gewesen sein. Ihr Appetit kehr nur langsam zurück. Zuerst trinkt sie nur die Flüssigkeit vom Haferbrei, dann frisst sie ein paar maulvoll. Mehr geht noch nicht. Ich schöpfe Hoffnung. 

Einen Tag später steht sie sogar auf, als sie den Haferbrei riecht, und beginnt sofort zu fressen. Noch immer bewegt sie sich so langsam, als wäre sie unter Wasser - es ist offensichtlich, wie viel Kraft es sie kostet auf allen Vieren zu stehen und zu gehen, zu fressen. Als sie beschließt, dass es sich lohnt ihr Strohlager neu zu arrangieren, habe ich das Gefühl, dass jetzt alles gut wird: Langsam, ganz langsam und konzentriert harkt sie mit den Krallen über den Boden, bis sie die meisten herumliegenden Strohhalme in ihr Lager bugsiert hat. Der nächste vielversprechende Schritt ist, als sie endlich auch die Smoothies frisst, die ich ihr mache, damit sie keine Energie aufs Zerbeißen und Kauen des Obst und Gemüses verschwenden muss. Als sie das ganze noch mit dem Scheinangriff gegen die Tür krönt, fühle ich, dass wir gewonnen haben.

Aber dann gab es doch noch mal einen Rückfall, wo alles wieder auf der Kippe zu stehen schien, bevor wir sie nun endlich in das Gehege der zwölf Schwarzbären, die keinen Winterschlaf halten, umsiedeln konnten. 

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