8.3.17

Kleiner Bär, großes Herz


Co-Volontärin Brooke und Berbere im Oktober

Ich glaube, unsere vierzehn Monate alten Bärchen sind ins bärige Teenageralter gekommen. Die Stimmung ändert sich andauernd und alle erproben ihre körperlichen und mentalen Muskeln. Das fällt bei keinem Bären stärker auf als bei Berbere, der sich anscheinend verliebt hat. Er ist im Oktober hergekommen, ein nur 19 Pfund wiegendes, nervöses Minibärchen. In den letzten Wochen ist aus dem kleinen Mr. Schüchtern-und-Ängstlich ein immer noch kleiner, aber sehr extrovertierter Mr. Loverboy geworden. Er ist wie ein völlig anderer Bär. Und das liegt anscheinend hauptsächlich an einem andern Jungbären. 

Vor kurzem haben wir Mimosa, die Bärin, die mir gezeigt hat, warum man sich über einen Scheinangriff freuen kann, in das Gehege umverlegt, in dem Berbere mit elf andern Bärchen lebt, die auch alle zu dünn für den Winterschlaf sind. War es Mimosas hübsches Gesicht oder ihr elegantes Benehmen? Irgendetwas an ihr hat irgendetwas an ihm in Bewegung gesetzt, und zwar buchstäblich. Berbere, der nicht zu den athletischsten Bären gehört, sprintet auf einmal mit Begeisterung ständig durchs Gehege und hechtet auf die Kletterbäume (nicht immer erfolgreich – manchmal verschätzt er sich und plumpst zu Boden). Vorderbeine und die Brust an den Baum gepresst, robbt er so schnell und weit daran hoch wie er kann und wirft dann den Kopf ins Genick, um zu gucken, ob Mimosa ihn bemerkt hat. Das hat sie meistens, aber ihren verblüfften Blicken nach zu urteilen, nicht unbedingt auf eine positive Weise.   
Die wunderschöne Mimosa

Berbere - kleiner Bär, großes Herz
Bis jetzt macht sich Berbere noch nichts aus den fehlenden Resultaten. Er geht mit angeberischem Hüftschwung und nähert sich Mimosa immer wieder, die das weder lustig noch angenehm findet. Aber er kann es einfach nicht bleiben lassen. Andauernd späht er hinter einem Baum in ihrer Nähe hervor, winkt ihr von oben auf der Kletterplattform mit der Pranke zu, und arbeitet sich so nah an sie heran, wie er sich traut. Alles zwecklos.

Angesichts der Tatsache, dass Berbere seine ersten drei Monate im Northern Lights Wildlife Shelter hauptsächlich in seiner sicheren Schlafhöhle verbracht hat, ist das eine monumentale Entwicklung. Es war immer eine große Aktion gewesen, ihm aus seiner Höhle zu scheuchen, damit ich darin saubermachen konnte. Weil er so winzig und unterernährt war, hat er einen Monat länger als üblich in Quarantäne verbracht. So musste er nicht mit andern Bären um das Futter konkurrieren und konnte zunehmen. Als wir ihn zu den andern Bären umsiedelten, wollte er seine neue Schlafhöhle überhaupt nicht mehr verlassen. Wochenlang traute er sich nicht, seine (vorerst noch von den andern Bären abgetrennte) neue Umgebung zu erforschen. Ich bin fast verzweifelt. Wie soll er denn jemals in der Wildnis überleben, wenn er nicht den Mut findet, sich von seinem sicheren Platz fortzubewegen? Er hat von der Sicherheit seiner Höhle nach den andern Bären gewittert, er hat hastig sein Futter hineingezerrt und keine Minute außerhalb der Höhle verbringen wollen. Er dachte, das ist die einzige Sicherheit, die er auf dieser Welt hat. 

Hätte er nicht seine Mutter verloren, würde sie ihm immer noch die Sicherheit geben, nach der er sich so sehnte. Das ist wohl eine der großen Schwierigkeiten für alle verwaisten Wildtiere: Sie haben keine Mutter mehr, auf die sie sich verlassen können, und müssen irgendwie in sich selbst die Stärke finden, sich sicher zu fühlen – viel früher im Leben, als sie es normalerweise müssten.

Berbere hat das schließlich geschafft. Eines Tages haben wir ihn endlich ein paar Meter von seiner Höhle entfernt gesehen, wie er ungelenk am Kletterbaum herumhangelte. Tage später hat er sich dann getraut, auch in das größere Gehege hinauszugehen, wo sich die meisten der andern Bären aufhalten. Als er merkte, dass ihm nichts Böses geschieht, hat er immer mehr Vertrauen in sich gefasst. Mir scheint, dass er mit diesem neuesten Wagnis an Selbstvertrauen endlich zu dem Bären aufblüht, der er eigentlich ist. Es ist ein Geschenk, das mit beobachten zu dürfen.  

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