3.3.17

Mit vollem Magen verhungern



“Rain” sieht aus wie ein Geisterelch. Die inzwischen vierjährige Elchkuh, die als kleine Waisin ins Northern Lights Wildlife Shelter kam, sieht jetzt wie ein Skelett mit Fell aus: Ihre Hüftknochen stechen über tiefen Kuhlen heraus, die eigentlich voller Muskeln und Fleisch sein sollten. Man kann ihre Rippen mühelos zählen. Ihre Hinterläufe sind dürr, die massiven Muskeln verschwunden.

Sie hat nicht immer so ausgesehen. NLWS hat sie als junges Kalb aufgenommen und gesund in die Freiheit entlassen, wo es ihr gut ging. Rain hat mindestens ein Kalb bekommen. Erst als sie letzten August wieder beim Wildlife Shelter auftauchte und in der Gegend blieb, fiel auf, dass mit ihr etwas nicht stimmte: dünner Durchfall klebte ihr an den Hinterläufen, und sie sah etwas dünn aus. Rain begann dann, in beängstigender Geschwindigkeit Gewicht zu verlieren und triefte überall, wo sie ging, Durchfall.

Ich erwartete fast, sie eines Tages tot umfallen zu sehen. Aber statt ihr wurde Belle, eine andere Elchkuh, die auch als Kalb hier aufgezogen wurde, sterbend auf einer benachbarten Farm gefunden. Sie hatte letzten Sommer ein Kalb zur Welt gebracht, das gesund aussah, und auch wenn Belle breiigen Durchfall hatte und etwas dünn war, kam sie Rains verhungertem Zustand doch nicht nahe. Trotzdem war es Belle, die starb.

Der Tierarzt wurde gerufen, um eine Autopsie vorzunehmen. Außer, dass das Tier Anzeichen der Hungersnot zeigte, konnte er keinerlei Abnormitäten finden. Ihr Magen und ihr Darm waren aber voll. Beim Öffnen des Magens zeigte sich, dass der mit einer gelblich-grünen, suppigen Masse gefüllt war. Die Organe und ein Teil des Mageninhalts wurden ins Labor geschickt, aber es kamen keine klaren Resultate dabei heraus. Ohne feste Beweise dafür, wie ein Elch mit vollem Magen verhungern kann, lässt sich der Grund nur aus einzelnen Hinweisen zusammensetzen. Heu scheint das Hauptproblem zu sein.

Die Gegend hier ist voller Felder, und im Winter kann man oft Hirsche und Elche beobachten, die sich an Heuballen gütlich tun. Heu ist zwar ein gutes Futtermittel für Kühe und Pferde, kann für Hirsche aber tödlich sein, wenn es auf lange Zeit in großen Mengen gefressen wird – und wenn das Tier geschwächt oder kränklich ist.

Widerkäuer wie Hirsche und Elche brauchen Wochen, um ihre Verdauung an Futter anzupassen, das sich von der natürlichen Nahrung unterscheidet. Daher können sie Heu nicht richtig verdauen und nicht genügend Kalorien und Nährstoffe daraus aufnehmen, die sie brauchen, um bei Kräften zu bleiben oder gesund zu werden – und so können sie mit vollem Magen verhungern. Was Hirsche betrifft, ist das bereits seit Jahrzehnten bekannt und erforscht.

An Elchen ist dies wesentlich weniger erforscht. Das Alaskan Moose Research Centre in Soldotna hat Anfang der 1990er Jahre eine Studie über den Effekt durchgeführt, den Heu als Futter auf Elche hat. Es wurde herausgefunden, dass ausgewachsene Elche, die nur mit Heu gefüttert wurden, im Laufe von elf Wochen im Durchschnitt 53kg Gewicht verloren. Kälber verloren zwar nicht an Körpermasse, hatten am Ende der Studie aber keinerlei Fett mehr am Rumpf, wodurch sie Gefahr zu verhungern liefen. Für Tiere, die bereits eine angeschlagene Gesundheit haben, kann das ein Todesurteil sein.

Die Studien weisen darauf hin, dass für Hirsche und Elche erreichbar gelassenes Heu potentiell tödliche Konsequenzen für die Tiere haben kann. Möglicherweise liegt hier ein Grund für die sinkende Anzahl von Elchen in Gegenden, wo Felder und Wald aneinandergrenzen. Das Northern Lights Wildlife Shelter hofft zu beobachten, ob Rain den Winter überlebt, und welchen Einfluss das Fressen von Heu auf die Gesundheit der im Shelter aufgezogenen Elche und Hirsche hat, nachdem sie wieder ausgewildert wurden.

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