24.3.17

Nach der Winterruhe



Unseren Bären zufolge war der Frühlingsanfang am 14. März. Wir hatten schon eine ganze Weile erwartet, dass die 31 Schwarzbärjährlinge, die seit Mitte November in ihren Schlafhöhlen verschwunden geblieben waren, wieder aktiv werden. In den letzten Wochen rumpelte und grummelte es immer öfter und lauter in den Höhlen, sodass wir nicht allzu überrascht waren, als der erste Bär am 14. März den Kopf herausstreckte.

Es ist für die Bären nicht einfach, sich nach all den Monaten Winterruhe an das helle Sonnenlicht zu gewöhnen und wieder herumzulaufen. Die Bären plumpsen mit verschlafenen Augen aus den Höhlen und atmen gierig die duftende Frühlingsluft ein. Auf weichen Beinen stehend lehnen sie sich auf der Suche nach Halt an die bepelzte Schulter ihrer Kumpel. Dabei sind sie gar nicht den ganzen Winter über faul gewesen: 26 der Bären hatten sich alle zum Winterschlaf in die gleiche große Schlafhöhle gequetscht und im Laufe der Monate fünf Strohballen und eine große Ladung Fichtenzweige zu einer dünnen, krümeligen Staubschicht zerkaut und zerfetzt.

Die Bären wirken wie betrunken. Nutmeg, der 2016 als Neugeborener ins Shelter kam und mit der Flasche aufgezogen wurde, schlendert auf spaghettiweichen Beinen auf die Salatköpfe zu, die den Bären nach der Winterruhe als erstes Futter angeboten werden. Es wirkt, als würde sich jedes seiner Beine mit einer Zeitverzögerung bewegen, als müsste Nutmeg sich Gedanken machen, wie er seine Pranken vorwärts bewegt. Vor einem Salatkopf lässt er sich auf seinen gut gepolsterten Hintern plumpsen und packt den Salat grob mit den Vorderpranken. Bären haben normalerweise eine sehr grazile Feinmotorik und können ihre Pranken sehr präzise und delikat benutzen – aber für einen gerade aus der Winterruhe erwachten Bären scheint das ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Nutmeg findet selbst das Sitzen zu anstrengend. Er lässt seinen Hintern nach vorne rutschen, bis er flach auf dem Rücken liegt, die Hinterbeine breit gespreizt. Mühsam drückt er den Salatkopf an seine Brust. Er beißt ein paar Mal hinein und lässt ihn dann wegrollen. Seine Vorderpranken fallen zur Seite, als ob das alles zu viel Arbeit ist. Mit allen Vieren von sich gestreckt, die Brust mit Salatstückchen gesprenkelt, liegt er auf dem Rücken da und verdreht den Kopf um zu sehen, wie seine Kumpels mit dem Futter zurechtkommen. Ihm fehlt die Motivation, jetzt was zu fressen.

Nach den langen Fastenmonaten dauert e seine Weile, bis der Verdauungstrakt der Bären wieder richtig in Fahrt kommt. Das Grünzeug, das wir ihnen jetzt anbieten, hilft dabei. Genau, wie wir im Spätherbst versucht haben, das sich verringernde, kalorienärmere Futter nachzuempfinden, das Bären in der Wildnis finden, bemühen wir uns jetzt, den Nährmittelgehalt von Frühlingspflanzen widerzuspiegeln. Zuerst gibt es wasserhaltiges, kalorienarmes Grünzeug, dann Wurzelgemüse und schließlich reichhaltigere Kost, inklusive Fleisch und Fisch als Protein.

Es wird oft gefragt, ob die im Shelter großgezogenen Bären nach dem Auswildern nicht Gärten aufsuchen – schließlich haben sie hier hauptsächlich Frucht- und Gemüsespenden der Supermärkte zu fressen bekommen. Studien an wieder ausgewilderten Bären zeigen allerdings, dass sie instinktiv nach den gleichen wilden Pflanzen suchen wie Bären, die nicht in Gefangenschaft aufgewachsen sind. Wenn irgend möglich, geben wir den Tieren wilde Pflanzen wie Löwenzahn und Beeren, die auch wesentlich lieber gefressen werden als Gartengemüse.

Nutmeg hat nun sein Salatblatt-Brusthaartoupet entdeckt und versucht ungeschickt, es sich mit den Zähnen aus dem Fell zu zupfen. Seine Aufgabe ist jetzt, bis zum Auswildern im Juni noch weiter zu wachsen und stärker zu werden – und unsere besteht daraus, genügend Futter für alle 45 Bären zu organisieren, die zur Zeit im Shelter auf die Freiheit warten. Der Frühling ist da!

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