3.4.17

Auswilderungslogistik



Es dauert nicht mehr lange – den verwaisten Bären im Northern Lights Wildlife Shelter steht die Auswilderung in ihre Heimatregionen bevor. Mir sträuben sich beim Gedanken an die Logistik, 44 Schwarzbären und einen Grizzly kreuz und quer durch British Columbia zu transportieren, die Haare. Die Gründer des NLWS Peter und Angelika Langen haben allerdings schon 27 Jahre Erfahrung darin. Die größte Schwierigkeit mag darin bestehen, die Grizzlybärin Shadow für ihre Fahrt in die Freiheit einzufangen. 

Shadow ist Ende Oktober im Shelter eingetroffen, absolut wild vor Rage. Ihr verzweifeltes Brüllen hallte von den Bergen wider, als sie in dem Versuch, aus dem Grizzlygehege auszubrechen am Zaun riss. Ihre Mutter war in Bella Coola, wo Essen nicht vor Bären gesichert aufbewahrt gewesen war, auf der Suche nach etwas zu Fressen erschossen worden. Das Northern Lights Wildlife Shelter war die einzige Überlebenschance, die Shadow blieb. 

So gut wie alle jungen Bären, auch Grizzlys, finden sich nach einer Weile mit ihrer Zeit in menschlicher Fürsorge ab. So gut wie alle – bis auf Shadow. Sie vermeidet jeglichen Menschenkontakt, so gut sie kann, und verschwindet sofort in ihrer Höhle, wenn sie einen Menschen bemerkt. In den fünf Monaten, die sie nun hier ist, habe ich sie vielleicht drei Mal zu Gesicht bekommen. Selbst Peter Langen, der sich um sie kümmert, erhascht nur selten einen Blick auf sie im Tageslicht. Wenn sie wieder ausgewildert ist, mag ihr dieses Verhalten einen Überlebensvorteil bieten – aber sie für den Transport einzufangen, wird dadurch sehr schwierig werden.


Die normale Prozedur ist reine Routine für die Langens. Eine Transportbox oder Bärenfalle (das ist einfach ein großes Wellblechrohr mit Gittern an beiden Enden) wird bereitgestellt. Dann wird der Jungbär in seinem Gehege betäubt, gewogen, ein Tatzenabdruck wird genommen und zusätzlich zu der Ohrenmarkierung und dem Mikrochip, den die Tiere bereits bei der „Einweisung“ bekommen haben, wird nun auch noch die Lippe tätowiert. Durch die Markierungen soll sichergestellt werden, dass der Bär auch noch in vielen Jahren identifizierbar ist. Dann wird das Tier zum Aufwachen in die Transportbox gelegt und beginnt seine Reise zurück in die Freiheit. Einen Bären im Gehege zu betäuben ist normalerweise nicht schwierig, besonders nicht bei Schwarzbären, die sich leicht einen der Kletterbäume hochscheuchen lassen, wo die mit dem Betäubungsmittel geladene Spritze, die an einem langen Stab befestigt ist, zustechen kann. 

Shadow mit einer Spritze in die Ecke zu drängen würde allerdings bedeuten, sie zu einem Angriff herauszufordern. Sie aus ihrer Höhle raus zu scheuchen und mit dem Betäubungsgewehr einen Pfeil abzuschießen, während sie durch das Gehege rennt, ist allerdings auch keine gute Option. Denn je mehr Adrenalin durch das Tier pumpt, desto ineffektiver das Betäubungsmittel. Die normale Dosis ist meist unzureichend, wenn der Bär ganz außer sich ist, und mit einer höheren Dosis steigt das Risiko, dass das Tier dann nicht mehr aufwacht. 

So wurde nun der Plan erstellt, Shadow daran zu gewöhnen, nur in einem kleinen, vom Rest des Geheges per Falltür abtrennbaren Käfigs zu fressen. Unsere Hoffnung ist, dass sie sich selbst in den Käfig einsperrt, indem wir das Stahlseil der Falltür am Tag vor ihrer Auswilderung an einem Stück Fleisch befestigen. Dann kann sie ihre Wut die Nacht über loswerden und am Morgen hoffentlich gefahrlos für alle Beteiligten durch den Zaun hindurch betäubt werden. 

Zweifelsohne sind diese Prozeduren vor dem Auswildern äußerst stressvoll und unangenehm für die Jungbären – inklusive die lange Fahrt in der Transportbox. Vielen der Bären steht eine Fahrt von über eintausend Kilometern bevor. Nach all den Monaten, die die Tiere in menschlicher Obhut zugebracht haben, ist das allerdings etwas Gutes, denn es unterstreicht, dass Menschen unvorhersehbar handeln und dass eine nahe Begegnung unangenehme Resultate haben wird.

Wir wollen, dass diese Bären in der Wildnis erfolgreich überleben und dort die Art von Leben führen, zu dem sie geboren sind. Die Langens haben im Laufe der Jahre knapp 400 Bären erfolgreich ausgewildert – da habe ich auch für Shadow und unsere Schwarzbären die besten Hoffnungen.

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