28.2.17

Die Bärenreise nach Jerusalem

Ende Februar 2017



Ich glaube, ich leide unter Elternparanoia. Nachts träume ich von meinen Bären, und beim Aufwachen gilt mein erster Gedanke Spruce, meinem bepelzten Problemkind: Ist er letzte Nacht wieder aus seiner Schlafhöhle rausgeschmissen worden oder hat er es geschafft, sie zu verteidigen? Die Bären spielen “Die Reise nach Jerusalem” mit den Schlafhöhlen, und Spruce ist begnadet im Verlieren. Er sieht entsprechend aus: traurig. Ich wünschte, er würde sich mit einem der andern zehn verwaisten Schwarzbären anfreunden, mit denen er sich das Gehege teilt.
Spruce

Doch die scheinen zu viel damit zu tun zu haben, andauernd in eine andere Schlafhöhle umzuziehen und Spruce aus seiner zu vertreiben. Noel, eine wütende kleine Bärin, die andauernd mit den andern Bären Streit sucht, scheint damit angefangen zu haben. In buckeliger Drohhaltung fing sie an, Spruce direkt vor seiner Höhle das Futter zu stehlen. Er hat zurückgedroht, mit den Lippen geschmatzt und gegrummelt, aber es hat nichts genützt. Er konnte sich nicht durchsetzen. Sie hat sein Futter gefressen und sich ein paar Tage später in seine Höhle gequetscht. Knurren und Fauchen drang heraus, und Noels flusiges Hinterteil verschwand und tauchte dann wieder im Eingang auf. Die ganze Höhle bebte vor Bärenwut, bis Spruce die um sich spuckende Noel endlich hinausstoßen konnte.  



In der Wildnis können Bären sich einfach einen andern Schlafplatz suchen oder außerhalb der Reichweite eines dominanteren Bären bewegen. Die vielen Interaktionen, die die verwaisten Bärchen hier im Northern Lights Wildlife Shelter mit andern Bären haben, unterscheiden sie in ihrem Aufwachsen von „wilden“ Bären. Aber da diese Jungbären keine Mutter mehr haben, die solche Konflikte für sie lösen kann, sind diese Kämpfe – die in diesem Alter noch ungefährlich sind – eine Chance für die Kleinen zu lernen, wie man auf sich aufpasst.   

Einen Nachteil gibt es allerdings. Die Überlebensrate von ausgewilderten Bären liegt etwas höher als die von wild aufgewachsenen. In menschlicher Obhut aufgezogene Bären fallen häufiger anderen Bären und Pumas zum Opfer – denn sie haben keine Gelegenheit gehabt zu lernen, sich davor in Acht zu nehmen.  

Ich bin mir nicht sicher, wie Spruces Überlebenschancen sind, wenn er im Juni in die Freiheit entlassen wird. Einen Tag, nach dem es ihm gelang, Noel aus seiner Schlafhöhle zu vertreiben, wird er von drei andern Bären rausgeworfen. Nachts fällt die Temperatur noch unter -20°C, und ich will nicht, dass er tagelang auf der Kletterplattform schlafen muss. Er ist zwar ein wildes Tier mit einem dicken Pelz, aber seine Möglichkeiten, eine gemütliche Schlafstelle zu finden, sind von den Zäunen des Geheges begrenzt.

Ich stelle ihm eine andere Schlafhöhle. Es ist gar nicht so schwer, einem Bären zu vermitteln, wo ich ihn gerne seine sichere Höhle etablieren sehen würde. Ich lege ihm Futter direkt vor den Höhleneingang, den er von der Kletterplattform aus sehen und riechen kann. Dann nehme ich ihm die Illusion, dass die Kletterplattform ein sicherer Platz für ihn ist: Ich scheuche ihn mit einer Harke hinunter – und er saust sofort in die Höhle, vor der das Futter liegt.

Damit ist es allerdings noch nicht getan: Andere Bären vertreiben ihn wieder daraus, und ich muss die Prozedur noch drei Mal wiederholen, bis er es endlich schafft, sich in der Höhle zu etablieren. Ich komme mir wie die Mutter eines schüchternen, introvertierten Kindes vor, das Extrahilfe im Leben braucht. Dieses kleine Bisschen kann ich für ihn tun, aber den Rest muss er selbst schaffen.

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