20.4.17

Ein Bärentraum wird wahr



Ausgewachsene Bären sind hauptsächlich Einzelgänger, die nicht nach Freunden suchen. Ihr Sozialverhalten lernen sie früh im Leben als Jungtiere. Zu den faszinierenden Highlights, die man erlebt, wenn man sich um verwaiste Jungbären kümmert, zählt das Beobachten vom Schließen einer Freundschaft. Es ist für ihr Leben nach dem Auswildern äußerst wichtig, dass die Tiere sich mit andern Bären verständigen und deren Verhalten richtig interpretieren können: Ausgewachsene männliche Bären und Grizzlys töten junge Schwarzbären und fressen sie. Für die Fortpflanzung, die bei Bären ab ungefähr drei Jahren beginnt, kommt es ebenfalls darauf an, sich verständigen zu können.   

Manchmal schließen die kleinen Bären im Northern Lights Wildlife Shelter sofort spontane Freundschaften. Meist dauert es allerdings, manchmal sogar sehr lange – so lange, dass ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, den kleinen Berbere jemals Anschluss an seine heiß geliebte Mimosa finden zu sehen. Den Großteil vom Februar und März hatte er mit dem Versuch verbracht, die schöne und kühle Mimosa zu beeindrucken. Er ist herumstolziert, gesprintet wie ein Weltmeister, alle Kletterbäume hochgehechtet und hat ihr mit der Tatze zugewinkt (das hat er wirklich!). Der Lohn für all seine Anstrengungen waren jedoch nur gelangweilte Blicke von ihr und mitleidige Seufzer von mir.

Berbere ist zwar winzig, aber das macht er mit Hartnäckigkeit und Neugierde wieder wett. Er hat schließlich angefangen, seine Aufmerksamkeiten von Mimosa auf Spirit zu lenken. Spirit ist ein äußerst ruhiger (um nicht zu sagen, phlegmatischer) geselle, der im Dezember ins Shelter kam, nachdem er halberfroren am Straßenrand gefunden wurde. Spirit war von Mimosa recht schnell als Kumpel, wenn auch nicht als enger Freund, akzeptiert worden. Vermutlich hat Berbere nicht kalkulierend geplant, Mimosas Herz zu gewinnen, indem er sich mit ihrem Kumpel anfreundet – aber wer weiß das schon? Je mehr Zeit ich mit Bären verbringe, desto mehr offene Fragen habe ich.

Mir ist nur aufgefallen, dass Berbere mit seinen wilden Sprints und seinem aufschneiderischen Gehabe aufhörte und sich jeden Tag ein paar Zentimeter näher an Spirit herantastete. Bären sagen einander, wie nahe zu nahe ist: Spirit hat dann immer den Kopf gesenkt, die Ohren angelegt und mit Schmollmund ein warnendes Grollen von sich gegeben. Das hat Berbere mit der gleichen Körpersprache beantwortet. Eine Art koordiniertes Hin- und Herschwanken der beiden folgte, in dem sie beide grollten und keiner näher an den anderen herantrat.

Dabei habe ich bemerkt, dass Bären äußerst ausdrucksvolle Lippen haben, die über ihre aktuelle Laune Auskunft geben. Ein nervöser oder etwas aus der Ruhe gebrachter Bär streckt seine Oberlippe vor und macht buchstäblich ein langes Gesicht. Wird er noch nervöser oder fühlt er sich zu stark unter Druck gesetzt, streckt er auch die Unterlippe vor und prustet einen Warnlaut.

Im Laufe von zwei Wochen sind Spirit und Berbere schließlich über ihr langgesichtiges Patt hinausgewachsen und haben die Distanz zwischen sich immer mehr verringert. Vielleicht hat Spirit dem ständigen Nerven von Berbere auch einfach nachgegeben, um endlich seine Ruhe zu haben. Ich habe nie gesehen, dass Spirit Kontakt mit Berbere gesucht hat. Als ich eines Tages ins Gehege kam, habe ich die beiden dann ausprobieren gesehen, ob sie miteinander spielen können. Bären ist ihr persönlicher Raum sehr wichtig, und sie benutzen u.a. Bäume als eine Art Puffer zu jemandem, der ihnen zu nahe kommt. Berberes und Spirits erstes gemeinsames Spielen sah entsprechend ungelenk aus: Sie saßen mit einem Pfosten zwischen sich, sodass keiner dem andern zu nah kommen konnte, und haben Verstecken gespielt. Die Tatzen kamen betont selten und behutsam zum Einsatz. Und damit war die Freundschaft besiegelt.
 
Berbere (auf den Hinterbeinen stehend), Spirit und die schöne, wenn auch Winterfell verlierende Mimosa
Jetzt, wo Berbere ständig mit Spirit unterwegs ist, schenkt ihm auch Mimosa mehr Beachtung – allerdings aus ganz egoistischen Gründen. Wenn Berbere ein leckeres Stück Fisch beim Wickel hat, marschiert sie dreist zu ihm hinüber und stiehlt es ihm, ohne dass er protestiert. Das Futter stehlen (oder teilen) hat aber doch zum Spielen geführt, und dann ist Berberes Traum wahr geworden: Er darf nun mit seiner heiß geliebten Mimosa und Spirit die Höhle teilen.

Wie begeistert die beiden andern davon sind, weiß ich nicht, aber Berbere wirkt wie im siebten Himmel, dass er nach den endlos langen Monaten ohne seine Mutter und Geschwister endlich wieder jemanden hat, mit dem er kuscheln kann.

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