12.5.17

Das Warten auf einen Schicksalsschlag



In den letzten Wochen sind wir hier im Northern Lights Wildlife Shelter im Warte-Modus gewesen, in Erwartung der ersten kleinen Waisen. Ein seltsames, widersprüchliches Gefühl … ich wünsche keinem Tier, dass es seine Mutter verliert und sich allein in der völlig unbekannten und zuerst schrecklich furchterregenden Welt der Menschen wiederfindet. Andererseits bin ich ja hier, weil ich mehr über Wildtiere lernen will. Ich will mich um Tiere kümmern. Und so warte ich nun darauf, dass sich im Leben irgendeines Jungtieres eine Tragödie abspielt. 

Während der Vorbereitungen auf das Eintreffen der ersten Tiere des Jahres haben wir geharkt wie die Wilden. Nie ist altes Gras mit mehr Begeisterung begrüßt worden als von unseren 45 Bärenjährlingen, die uns wissen lassen, dass sie auf die Freiheit warten, indem sie alles zerfetzen, was sie in die Pranken bekommen. Schlafhöhlen, Kletterbäume, selbst die Decke eines zum Teil überdachten Geheges sind den Klauen und Zähnen der Bären zum Opfer gefallen. 

Konzentriert durchschnüffeln die Bären das tote Gras, das wir ihnen bringen; den Gruß von der Außenwelt. Die Ellbogen nach außen abgewinkelt zerren sie es mit den Krallen auseinander und lecken kleine Insektenlarven und Wurzelschnipsel auf, bis die Vielzahl der neuen Gerüche sie überwältigt. Genau wie Hunde, die sich gern in stark riechendem Zeugs wälzen, werfen sich die Bären ins Gras und reiben ihren Hals und die Schultern daran. Daraus entwickeln sich Ringkämpfe und wildes Kriegen-Spielen, bis das Gras, das wir draußen so mühsam zusammengeharkt hatten, wie ein zertrampelter Teppich quer im Gehege verteilt ist – wo wir es dann nochmal aufharken müssen, um es schließlich auf den Komposthaufen zu bringen.   

Das alte Gras, mürbe Holzstämme und versteckte Leckerbissen sind Beschäftigungstherapie für die Bären. Wir dagegen haben viel damit zu tun, auf dem Gelände des Wildlife Shelter aufzuräumen und Gehege für die ersten Neuzugänge herzurichten. Wildtierhilfe ist in vieler Hinsicht unberechenbar – man kann nur raten, wann wohl das erste neue Tier ankommen wird und um welche Tierart es sich handeln wird. Es ist wichtig, dass genügend der verschiedenen, auf die individuellen Ernährungsbedürfnisse der jeweiligen Tierarten abgestimmten Milchpulver da ist, sowie Milchflaschen in verschiedenen Größen und „Wundernippel“ (MiracleNipples, die angeblich besonders gut für Eichhörnchen geeignet sind).

Durch diese ganzen Vorbereitungen komme ich mir fast vor, als wäre ich schwanger: ich bin aufgeregt, ein bisschen nervös und frage mich, wie das Kleine wohl aussehen wird.
Angelika Langen, die Mitbegründerin von NLWS, hat uns erklärt, wie wichtig es ist, dass Elch- und Hirschkälber Kolostrum bekommen, warum die Ernährung mit der Flasche so viel besser ist als per Magenschlauch, und was hygienisch bei der Flaschenernährung zu beachten. Wir haben alles vorbereitet, wir sind mit Wundernippeln gewappnet, die Tiere können kommen! 

Und nun sind die ersten beiden kleinen Waisen des Jahres da: Zwei winzige Schwarzbärchen, deren Mutter von einem Auto erfasst und getötet wurde. Als ich die beiden verängstigten Bärchen anstarre, die sich schutzsuchend aneinander gedrängt haben, wird mir klar, dass ich niemals wirklich ganz vorbereitet sein werde, egal, was für ein Tier kommt. Ich bin nicht aufgeregt. Ich freue mich nicht. Ich bin erschüttert, weil diese kleinen Bären so große Angst haben, dass sie sich kaum trauen, uns anzusehen, und weil sie alles, was sie in der Welt hatten, verloren haben: ihre Mutter.

Durch meine Erfahrung mit den andern Bären weiß ich, dass auch diese beiden ihre Angst verlieren, höchstwahrscheinlich wachsen und gedeihen und nächstes Jahr wieder in die Freiheit entlassen werden. Aber im Moment hält mich der Widerspruch gefangen, wie aus Kummer und Angst Gesundheit und Glück werden kann. Vielleich können wir gerade das von diesen Tieren lernen.

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