28.5.17

Ein mausiges Frühstück



Wie viele Leute wohl sonst noch ihren Wecker stellen, um eine Maus zu zerlegen? Es ist keine sonderlich schöne Aufgabe so früh am Morgen; Mausinnereien haben einen recht eigenartigen Geruch, und das sanfte Nachgeben der kleinen Knochen, des Fells und des Fleischs unter dem Druck meiner Schere ist irgendwie gruselig.

Mit einem weiteren Schluck Kaffee trinke ich mir Mut für diesen unschönen Aspekt meiner Rolle als Eulenziehmutter an und schnippele den Mäusekopf in schnabelgerechte Stücke. Rechts von mir fiepen die drei kleinen Sägekäuze hungrig, links von mir toben die vier Monate alten Schwarzbärzwillinge Nahanni und Logan wie die Wilden. Sie üben sich in Bärenfertigkeiten wie dem Zerfetzen von morschem Holz und Prankenschlägen. Ihren Wassernapf haben sie offenbar wieder für ein morgendliches Fußbad genutzt und dem Boden mit ihrem überall verstreuten Löwenzahn und Gemüse ein wiesenartiges Ambiente gegeben. 

Nachdem ich die Maus zerlegt habe, setze ich die kleinen Käuze in eine durchsichtige Plastikschale, die mit Küchenkrepp ausgelegt ist. Ein richtiges Nest haben die Kleinen nun nicht mehr; ihrs war unabsichtlich zerstört worden, als ein Baum gefällt wurde. Betroffen hatte der Grundstückseigner, der von dem Eulennest nichts gewusst hatte, die erst ein paar Tage alten Vogelkinder ins Northern Lights Wildlife Shelter gebracht. Erst eins hatte schon die Augen offen.

Jetzt sind sie ungefähr so groß wie ein Tennisball – ein sehr wuscheliger Tennisball, denn sie bekommen bereits ihre dunkelorangen und grauen Federn. Ein wesentlich schönerer Anblick als zuerst, wo sie mich an Pingpongbälle erinnerten, an denen Wäschetrocknerflusen kleben geblieben waren. Die drei Käuzchen richten ihre gelben Augen auf mich, unter denen der breite Schnabel wie ein Guten-Morgen-Lächeln wirkt.

Das Frühstück besteht aus weniger Maus als bisher, da die kleinen Käuze zu schnell an Gewicht zugenommen haben. Jetzt wedeln wir die Mausstücke nur kurz mit der Pinzette vor den Vögeln hin und her, statt ihnen wie zuerst damit an den Schnabel zu tippen. Ein hungriges Käuzchen wird sich sein Futter schnappen; bleibt der Schnabel zu, ist der Vogel voll.


Die beiden größten Käuzchen schnappen nach dem Mausebein, das im Nu im roten Schlund des mittleren Vogels verschwindet. Der Kauz fixiert mich während des Schluckens mit seinem gelben Blick. Ich biete Eingeweide, mehr Beine und Teile des Mausekopfs an, und je mehr die Maus schwindet, desto mehr verliert sich auch das Interesse der Käuze daran. Die gelben Augen lassen von meinem Gesicht ab und fallen zu. Müde kuscheln die kleinen Vögel sich aneinander.

Die drei in ihren Käfig zurückzusetzen ist nicht mehr so einfach wie zu Anfang, denn inzwischen packen sie mit ihren Krallen schon fest zu. Das größte Käuzchen krallt sich an meinem Finger fest, flattert mit den halbbefederten Flügeln und klappert mich mit dem Schnabel an, als ich es aus der Futterbox hole. Die Geschwister sind als nächstes dran, und dann heißt es für mich, meine Mausschlachterutensilien abzuwaschen und den kleinen Bären ihre Milch zuzubereiten. Es ist eine etwas andere Art, den Tag zu beginnen, aber trotzdem schön.

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