4.6.17

Wir wollen raus



Das neueste Opfer ist der schwere Baumstamm, der zwischen den beiden Pfosten im Bärengehege befestigt war. Ihm ist es nicht anders ergangen als vier weiteren Kletterbäumen, fünf Schlafhöhlen und einem Teil der Decke des überdachten Käfigteils – die von den halbwüchsigen Bären zerlegte Einrichtung buchstabiert ganz unmissverständlich „Wir wollen raus“. Sie zerstören jetzt alles, was ihnen unter kommt.  

Spruce, der wegen seines mangelnden Selbstvertrauens so lange mein Problemkind war, schaut mich traurig an. Der Stamm zwischen den beiden Pfosten war sein Lieblingsschlafplatz. Es ist ein Teil unserer Morgenroutine gewesen, dass ich „Hopp, Hopp, Hopp!“ rufe und ihn mit der Harke wedelnd dort runterscheuche, damit er sich mehr zu den andern Bären gesellt. Er hat dann immer eine miesepetrige lange Oberlippe gemacht und ist widerwillig den Pfosten nach unten gerutscht.

„Mensch, das tut mir leid“, sage ich zu ihm. Es tut mir leid, dass er, der es nie schaffte, eine Schlafhöhle zu behalten, nun auch noch diese ungemütliche Schlafstelle verloren hat; es tut mir leid, dass er mir nicht mehr „Die Lippe“ zeigen wird; es tut mir leid, dass diese dreizehn Bären für mich bald nur noch in meiner Erinnerung existieren werden. Und es tut mir leid, dass sie noch ein paar Tage mehr warten müssen, bis das Auswildern beginnt. Sie sind alle so groß geworden, körperlich und auch in ihrem Selbstvertrauen, und sind offensichtlich bereit, wieder in der Wildnis zu leben.

Wie sehr diese Bären bereit für das Wildnisleben sind, was Menschenbegegnungen angeht, habe ich erst kürzlich gemerkt. Noch nie war ich so stolz auf meine Bären, wie an dem Tag, an dem ich sie auf einen fremden Menschen reagieren sah. Der Tierarzt war mit seiner Assistentin gekommen, um zu bestätigen, dass Huck, der im Oktober schwer krank gewesen war und seitdem wieder genesen ist, gesund ist und ausgewildert werden kann.

Kaum, dass die Bären die fremden Stimmen hörten, gingen alle Nasen in die Luft, um den Geruch der fremden Mensch zu orten. Als der Tierarzt und seine Assistentin sich dem Zaun näherten, flohen alle dreizehn Bären nervös blaffend die Kletterbäume hoch – im starken Gegensatz dazu, wie sie meine Co-Volontärin Brooke und mich ignorieren. Kein einziger Bär ging auf den Zaun zu, um sich die Fremdlinge anzusehen. Sie blieben alle auf Abstand. 
Spruce hat die Nase voll von der Gefangenschaft
Ich hatte zwar von den Gründern des Northern Lights Wildlife Shelter, Peter und Angelika Langen, gehört, dass sich die Bären fremden Menschen gegenüber so verhalten würden, aber es mit eigenen Augen zu sehen – zu bestätigt bekommen, wie meine Bären um jeden Preis versuchten, Unbekannten aus dem Weg zu gehen – ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Die Situation wiederholte sich, als das Kamerateam kam, das die Dokumentarserie „Wild Bear Rescue“ über das Shelter filmt. Ich bin überzeugt, dass sich keiner dieser Bären einem Menschen nähern wird, nachdem sie wieder in die Freiheit entlassen worden sind. 

Dieses Verhalten der Bären kommt zT daher, dass sich während ihrer langen Monate im Northern Lights Wildlife Shelter immer nur dieselben 2-3 Tierpfleger um sie kümmern. Sie bekommen kaum einen andern Menschen zu Gesicht und wenn, handelt es sich dabei um eine neutrale Situation (keine positive Erfahrung wie Füttern) oder eine negative (für eine Untersuchung oder einen Transport gefangen zu werden). Dadurch lernen die Bären, dass ihnen der Kontakt mit anderen Menschen nichts Gutes bringt.

Spruce, dem sein Baumstamm fehlt, sitzt nun auf einer Kletterplattform und massiert sich mit der linken Vorderpfote die rechte, wie er es so oft tut, wenn er Brooke und mir beim Saubermachen zuschaut. Ich wünschte, ich könnte ihm vermitteln, dass er und die andern Bären bald zurück in der Wildnis sein werden, dass sie das Leben haben werden, für das sie gedacht sind, wo jeder Tag ein neues Abenteuer bringt. Und ich wünschte, ich könnte ihnen sagen, wie dankbar ich ihnen für die unglaublichen Einblicke in das Verhalten Bären bin, die sie mir gewährt haben.

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