15.7.17

Joggen mit Elchen



“Ich hab an meinen Füßen keine Saugnippel!”, entfährt es mir, als das hungrige Hirschkalb mir die Stirn gegen das Fußgelenk stößt. Sie lutscht an den Schuhüberzügen, die ich zum Schutz trage, kniet sich hin und stößt mir wieder gegen das Fußgelenk. Warum, um Himmels Willen, sucht sie da unten nach Milch?

Ich halte ihr erneut die Flasche hin, die sie zugunsten meiner Fußgelenke hat sausen lassen. Ihr Ziehbruder saugt ekstatisch an der Flasche in meiner andern Hand. Die Kleine hat anscheinend kein Interesse an, auszutrinken. Ein paar Mal noch stößt sie mit der Nase an die Überschuhe, und dann schlendert sie zum Zaun, wo die sechs Elchkälber bereits penetrant nach uns und den Milchflaschen rufen. Die morgendliche Rush Hour bei Starbucks ist nichts dagegen.  

In letzter Zeit habe ich meiner Co-Volontärin Brooke immer mal wieder bei der Hirsch- und Elchkalbfütterung geholfen. Besonders Elche sind schwierig aufzuziehen, da sie sehr anfällig für Krankheiten sind, leicht Durchfall bekommen und einen ziemlich eklektischen Nahrungsbedarf haben – sie fressen eine sehr große Vielzahl von verschiedenen Pflanzen. Für die Hirsch- und Elchkalbfütterung müssen wir uns immer saubere Overalls, Handschuhe und Überschuhe anziehen, damit wir nicht aus Versehen gefährliche Bakterien ins Gehege bringen. 

Das männliche Hirschkalb, das seine langen Wimpern ganz andächtig über die graublauen Augen gesenkt hat, ist fast mit seiner Flasche fertig. Um den Stuhlgang anzuregen, kratze ich ihn über und neben seinem zuckenden Schwänzchen, und tatsächlich: Sekunden später fallen Hirschköttel auf den Boden.

Nachdem wir die drei kleinen Hirsche gefüttert haben, gehen Brooke und ich ins Elchgehege. Das ist leichter geschrieben als getan, das sich alle sechs Kälber an uns drängen und sich gegenseitig schubsen. Schnell schnappe ich mir über dem Gewirr aus dürren Elchbeinen und samtenen Nasen mit langen Schnurrhaaren zwei Flaschen und schiebe den nächstbesten Elchkälbern die Nippel ins Maul. Die sanften braunen Augen verlieren den hungrigen Ausdruck und konzentrieren sich nach innen. Im Nu sind die Flaschen leer. Die beiden Elche sind wie ganz andere Tiere, drehen sich mit einem fast gelangweilten Ausdruck im Gesicht von mir weg. Sie stehen herum, als wüssten sie nicht, was sie nun mit gesättigtem Bauch tun sollen. Eins der beiden faltet die langen Vorderbeine zusammen und legt sich hin. Brooke ist inzwischen ein alter Profi darin, Elche zum Aufstehen zu bewegen – denn um die Milch gut verdauen zu können, sollten sich Hirsch- und Elchkälber direkt nach dem Trinken nicht hinlegen.  


Brooke schubst und zerrt an dem Kalb herum. „Hoch, na komm schon.“ Widerstrebend streckt das Kalb sein Hinterteil in die Höhe und stößt sich auf die so unproportional langen Beine hoch. „Lass uns eine Runde mit ihnen gehen.“ Die Kälber bleiben stehen und starren uns hinterher, als wir von ihnen weggehen und ihnen zurufen. 

Ich fange an zu rennen, kicke die Beine so hoch wie ich kann in meiner schäbigen Imitation eines laufenden Elchs. „Na los, kommt schon!“ Eins der Kälber geht ein paar Schritte, woraufhin die andern fünf sich auch in Bewegung setzen, Jetzt folgen sie mir alle.

In meinem Overall und meinen hellblauen Überschuhen springe ich durchs hohe Gras und die Büsche; donnernde Hufe im Gefolge. Quer durch das Gestrüpp geht es jetzt, auf die hohen Tannen zu. Ich halte an und drehe mich um. Sofort bleiben die Elchkälber stehen und starren mich an. Ich fange wieder an zu laufen und sie auch, immer mir hinterher quer durch das Gehege, bis wir wieder am Ausgangsort angekommen sind. 

Während Brooke und ich frische Weidenzweige am Zaun befestigen, beginnen die Kälber, das Obst zu beschnüffeln, das sie als Teil ihrer Ernährung bekommen. Kevin Costner mag wohl mit Wölfen getanzt haben, fällt mir ein – aber das kann nicht so viel Spaß gemacht haben wie mit Elchen zu laufen.

3.7.17

Der Kampf um ein Bärenleben



Jedes Mal, wenn ich ihm den Löffel unter die Nase halte, dreht er den Kopf weg. Es ist, als wäre der Löffel nicht voller Futter, sondern mit einer unsichtbaren Kraft geladen, die den Kopf des Bären beiseite stößt. Seit über einer Viertelstunde sitzen wir schon so hier, das nur katzengroße Bärchen und ich: Ich mit meinen Versuchen, ihm das mit Antibiotika versetzte Futter ins Maul zu schieben, und er mit seiner Verweigerung des Löffels.

Das Gesicht des kleinen Bären sieht grotesk aus, da sein linker Unterkiefer von etwas, das wie ein großer schwarzer Blutklumpen aussieht, verzerrt ist. Seine Zunge und Lefzen werden von dem schrecklichen schwarzen Ding in seinem Maul zur Seite gedrückt. Meine Gedanken rasen, suchen nach einer Möglichkeit, dem Bären die kalorienreiche Paste mit den zerkrümelten Antibiotika zu verabreichen. Freiwillig nimmt er nur Wasser zu sich; wenn ich ihm die Mischung auf die Tatze schmiere, kann ich mir nicht sicher sein, dass er auch die gesamte Dosis Medizin schluckt; und selbst wenn ich ihm das Zeug mit dem Finger auf die Lefzen schmiere, ist das keine Garantie, dass er es auflecken wird.

Ich bin am Ende meines Lateins. Wenn das Bärchen nicht die Antibiotika nimmt und nicht endlich etwas frisst, wird es nicht überleben. Beim Tierarztbesuch vor zwei Tagen entdeckten wir, dass der Unterkiefer zum Teil zertrümmert ist. Als der Bär vor zwölf Tagen im Northern Lights Wildlife Shelter ankam und erstmalig vom Tierarzt untersucht wurde, war die Verletzung nicht entdeckt worden, und es ging ihm auch anfänglich gut: Er hat wie ein Wilder mit seinem Bruder gespielt und gut gefressen, bis es ihm plötzlich schlecht zu gehen schien.

Als die Tierärztin mir beim zweiten Besuch das verfaulende Gaumenfleisch und die im Maul herausstechenden losen Knochensplitter zeigte, begann ich zu verstehen, wie unglaublich hart im Nehmen Wildtiere sind, was Schmerzen und Verletzungen angeht.

Aber wenn der kleine Bär nun nicht endlich zu fressen beginnt, wird ihm das nicht helfen. Es gelingt mir nicht, ihm die Antibiotika zu geben. Angelika Langen und Langzeitvolontärin Kim Gruijs schaffen es zwar, die große blutige Schwellung in seinem Maul auszuwaschen, aber der Bär braucht weitere tierärztliche Hilfe.

Am nächsten Morgen sind wir wieder in der Klinik, wo das dünne kleine Tier an den Tropf kommt. Der Kiefer heilt gut, aber sein Gesamtzustand ist sehr schlecht. Wenn er weiterhin Futter verweigert, wird er sterben. Wir hoffen, dass es ihm nach der Infusion besser gehen wird und dass er endlich Appetit bekommt.


Kim und Angelikas Tochter Tanja Landry fallen die Entscheidung, dem Bärchen im Shelter die Wasserschüssel wegzunehmen, sodass er zu nichts außer Milch Zugang hat und gezwungen ist, sie zu trinken. Mir ist dabei unwohl, denn der Kleine hat Milch genauso wie Futter verweigert. Was, wenn er sie nicht trinkt? Tanja bringt das logische Argument vor, dass er auch nicht überleben wird, wenn er nichts außer Wasser zu sich nimmt. 

Am Abend gelingt es mit nicht, ihm Milch zu geben. Immer wieder dreht er den Kopf weg. Kim schafft es schließlich, ihn zum Trinken zu bringen, indem sie ihm mit einer Spritze Milch in den Mund spritzt, sodass er gezwungener Maßen schlucken muss. Ich halte den Atem an, als er noch ein paar gezwungenen Schlucken nach der Spritze zu suchen beginnt und mehr haben will. Es ist schon spät am Abend und dunkel, aber plötzlich scheint alles hell vor Hoffnung.

War es die Infusion beim Tierarzt, das Füttern mit der Spritze oder einfach die kombinierten Anstrengungen von uns allen, ihm das Leben retten zu wollen? Am Morgen steckt der kleine Bär die Zunge raus und beginnt, zwischen seiner Schüssel und mir hin und her schauend, seine Milch zu trinken. Sein Schlabbern ist das schönste Geräusch, das mir in dieser Woche zu Ohren gekommen ist.