3.7.17

Der Kampf um ein Bärenleben



Jedes Mal, wenn ich ihm den Löffel unter die Nase halte, dreht er den Kopf weg. Es ist, als wäre der Löffel nicht voller Futter, sondern mit einer unsichtbaren Kraft geladen, die den Kopf des Bären beiseite stößt. Seit über einer Viertelstunde sitzen wir schon so hier, das nur katzengroße Bärchen und ich: Ich mit meinen Versuchen, ihm das mit Antibiotika versetzte Futter ins Maul zu schieben, und er mit seiner Verweigerung des Löffels.

Das Gesicht des kleinen Bären sieht grotesk aus, da sein linker Unterkiefer von etwas, das wie ein großer schwarzer Blutklumpen aussieht, verzerrt ist. Seine Zunge und Lefzen werden von dem schrecklichen schwarzen Ding in seinem Maul zur Seite gedrückt. Meine Gedanken rasen, suchen nach einer Möglichkeit, dem Bären die kalorienreiche Paste mit den zerkrümelten Antibiotika zu verabreichen. Freiwillig nimmt er nur Wasser zu sich; wenn ich ihm die Mischung auf die Tatze schmiere, kann ich mir nicht sicher sein, dass er auch die gesamte Dosis Medizin schluckt; und selbst wenn ich ihm das Zeug mit dem Finger auf die Lefzen schmiere, ist das keine Garantie, dass er es auflecken wird.

Ich bin am Ende meines Lateins. Wenn das Bärchen nicht die Antibiotika nimmt und nicht endlich etwas frisst, wird es nicht überleben. Beim Tierarztbesuch vor zwei Tagen entdeckten wir, dass der Unterkiefer zum Teil zertrümmert ist. Als der Bär vor zwölf Tagen im Northern Lights Wildlife Shelter ankam und erstmalig vom Tierarzt untersucht wurde, war die Verletzung nicht entdeckt worden, und es ging ihm auch anfänglich gut: Er hat wie ein Wilder mit seinem Bruder gespielt und gut gefressen, bis es ihm plötzlich schlecht zu gehen schien.

Als die Tierärztin mir beim zweiten Besuch das verfaulende Gaumenfleisch und die im Maul herausstechenden losen Knochensplitter zeigte, begann ich zu verstehen, wie unglaublich hart im Nehmen Wildtiere sind, was Schmerzen und Verletzungen angeht.

Aber wenn der kleine Bär nun nicht endlich zu fressen beginnt, wird ihm das nicht helfen. Es gelingt mir nicht, ihm die Antibiotika zu geben. Angelika Langen und Langzeitvolontärin Kim Gruijs schaffen es zwar, die große blutige Schwellung in seinem Maul auszuwaschen, aber der Bär braucht weitere tierärztliche Hilfe.

Am nächsten Morgen sind wir wieder in der Klinik, wo das dünne kleine Tier an den Tropf kommt. Der Kiefer heilt gut, aber sein Gesamtzustand ist sehr schlecht. Wenn er weiterhin Futter verweigert, wird er sterben. Wir hoffen, dass es ihm nach der Infusion besser gehen wird und dass er endlich Appetit bekommt.


Kim und Angelikas Tochter Tanja Landry fallen die Entscheidung, dem Bärchen im Shelter die Wasserschüssel wegzunehmen, sodass er zu nichts außer Milch Zugang hat und gezwungen ist, sie zu trinken. Mir ist dabei unwohl, denn der Kleine hat Milch genauso wie Futter verweigert. Was, wenn er sie nicht trinkt? Tanja bringt das logische Argument vor, dass er auch nicht überleben wird, wenn er nichts außer Wasser zu sich nimmt. 

Am Abend gelingt es mit nicht, ihm Milch zu geben. Immer wieder dreht er den Kopf weg. Kim schafft es schließlich, ihn zum Trinken zu bringen, indem sie ihm mit einer Spritze Milch in den Mund spritzt, sodass er gezwungener Maßen schlucken muss. Ich halte den Atem an, als er noch ein paar gezwungenen Schlucken nach der Spritze zu suchen beginnt und mehr haben will. Es ist schon spät am Abend und dunkel, aber plötzlich scheint alles hell vor Hoffnung.

War es die Infusion beim Tierarzt, das Füttern mit der Spritze oder einfach die kombinierten Anstrengungen von uns allen, ihm das Leben retten zu wollen? Am Morgen steckt der kleine Bär die Zunge raus und beginnt, zwischen seiner Schüssel und mir hin und her schauend, seine Milch zu trinken. Sein Schlabbern ist das schönste Geräusch, das mir in dieser Woche zu Ohren gekommen ist.

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