1.8.17

Der Abschied



Wie kann ich mich von den Tieren, die ich fast zehn Monate lang gelebt, geatmet und geträumt habe, verabschieden? Es ist eine so intensive, überwältigende und herzzerreißende Zeit gewesen, dass ich mir fast vorkomme, als hätten mich die kleinen Waisen aufgefressen und wieder ausgespuckt. Noch nie habe ich so viel bei der Arbeit geweint – Tränen der Traurigkeit, Freudestränen, Tränen der Erschöpfung und aus Frust. Am schlimmsten war es, wenn auch die Tiere geheult haben: Bärenjunge, Elch- und Hirschkälber, die nach ihrer Mutter geschrien haben; kranke Tiere, die vor Schmerzen geheult haben. 

Bei jedem kleinen Waisen, der zu uns kam, habe ich mir gewünscht, es gäbe einen Weg, die Mutter wissen zu lassen, dass ihr Kind nun in Sicherheit ist, dass wir unser Bestes geben, um gute Ziehmütter zu sein, und dass wir ihr Kleines liebhaben. Man wünscht sich viele unmögliche Dinge, wenn man sich um verwaiste Wildtiere kümmert.

Etwas war allerdings besser als alles, was ich mir hätte wünschen können: meine Co-Volontäre Ludmila und Brooke. Wir sind so ein tolles Team gewesen. Irgendwie hat es sich als Stärke erwiesen, dass wir alle grundverschieden und unterschiedlichsten Alters waren. In unserer freiwilligen-Helfer-Welt, die sich hauptsächlich um das Aussortieren von verdorbenem Obst und Gemüse, der Konsistenz von Tierkacke und der Reinigung der Futterküche drehte, haben wir angefangen, die lustige Seite von völlig unwitzigen Dingen zu sehen. Wir haben den Küchenboden nicht nur geschrubbt, sondern ihn in einem täglichen Ritual mit Reinigungsmittel gesegnet (ah, der herrliche chemische Lavendelgeruch!). Die nervigen Gummibänder und Drahtbänder von ganzen Kisten schleimiger Radieschenbündel abzumachen wurde bei uns zum Auspacken der Geschenke unseres Königinnenreichs, der Agrarfirma, die die Radieschen anbaut.


Wie oft ist es das Tränenlachen mit Ludi und Brooke in Momenten totaler Albernheit gewesen, das mich bei dem Stress, den die Tierpflege mit sich bringen kann, bei der Stange und geistiger Gesundheit hielt. Auch wenn die Arbeit zeitweise kaum zu bewältigen schien – immer hat eine von uns den Kriegsschrei „Okay, los, wir schaffen das!“ ausgestoßen.

Und wir haben es auch geschafft. Sei es, den betäubten Bären Haare für DNA-Proben auszuzupfen (Ludis Spezialität), Tatzenabdrücke zu nehmen (niemand kann es besser als Brooke), mülltonnenweise Kompost wegzubringen, den vereisten Zufahrtsweg zu streuen, indem wir die Sandkübel als Rollator benutzten, Baumstämme und Äste heranzuschleifen, und so weiter und so fort. Wir sind füreinander genauso dagewesen wie für unsere Tiere.

Wilden Tieren zu helfen reißt einen aus seiner Komfortzone heraus, stößt einen an seine Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Ich bin zum Northern Lights Wildlife Shelter gekommen, weil ich mehr über das Verhalten von Bären und Wildtiere im Allgemeinen lernen wollte, und um zu helfen, verwaisten Tieren eine zweite Chance zu geben. Ich höre hier mit unvergesslichen Erinnerungen an meine Tiere auf. Ich bin dankbar, an so vielen einschneidenden Momenten in ihren Leben teilgenommen zu haben dürfen. Am beeindruckendsten war zu sehen, wie diese Tiere zum Teil furchtbare Erlebnisse und Verletzungen überstanden haben und wieder Freude am Leben zeigten.

Bei allen Tieren ist das Auswildern das Ziel, sobald sie gesund und alt genug sind, um alleine zu überleben. Mir fällt es schwer, die freizulassen, die ich so liebgewonnen habe; es ist, als würde ich lauter Teile meines Herzens herausreißen und davontreiben lassen. Aber gleichzeitig liegt darin auch etwas Schönes, denn es fühlt sich an, als sei ich nun Teil von etwas Größeren geworden. 

Ich bin froh, dass ich diese Erfahrungen machen konnte, und bin glücklich, dass ich sie mit zwei so tollen Menschen teilen konnte. Danke, Brooke und Ludmila, für die vielen Lacher, dafür, dass ihr meinem endlosen Geschwafel über meine Lieblingsbären zugehört habt, und danke, dass ihr mir meinen Schlaf gelassen habt. Ihr seid die Besten.

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