24.11.17

Zwischenzustand



Ich lebe jetzt in einer Welt des dramatischen Lichts, das durch unterschiedliche Versionen von Wasser gefiltert wird. Schneewolken schaben noch niedriger über die Berge, als die Sonne im Himmel hängt. Wenn die Wolken sich entleeren, ist das Land mit Vorhängen aus winzig kleinen Eiskristallen schraffiert; an anderen Tagen sind es verträumte, fette Flocken, ein Wurf von Eissternen, oder einfach ganz normaler, stetig fallender Schnee.

Der See verschmilzt mit dem Himmel, wirft Armeen von Nebelgeistern empor, die über die windgepeitschte Oberfläche wirbeln und sich verzerren, nach den Wassermolekülen greifen, die über ihnen bereits zu einer soliden grauen Nebeldecke kondensiert sind.

Die oberste Schicht des Wassers versucht, den See nicht zu verlassen, verpuppt sich in filigrane Eisfedern, die immer mehr Spinnfäden aussenden und zu Inseln wachsen. Die dicker werden, gerinnen, sich danach sehnen, mit der ewigen Bewegung aufzuhören, zu der der Wind sie zwingt.

Der Wind jedoch kennt keine Gnade. Die Schneewolken werden auseinandergerissen, der Eisnebel zerfetzt, Sonnenlicht durch die in der Luft hängenden Eiskristalle forciert bis es ein so sattes Gelb ist, dass ich meine Hand hineinstecken möchte. Der Wind ohrfeigt den See, lässt sich vom Geklirre und Knarren des Eis nicht beirren, das noch nicht von Ufer zu Ufer wachsen und fest genug werden konnte, um ihm zu widerstehen. Eisfedern, Eisinseln, Eisschollen werden gegen das Ufer geschleudert, zermahlen und zurück ins Wasser gemischt.

An klaren Nächten leuchtet Licht in einer anderen Farbe, während der See unruhig gegen die Steine schlägt.

Kommentare:

  1. Wunderschöne Winterimpressionen zum Träumen.... Nicole, Du hast echt Talent zum Schreiben!
    Liebe Grüße aus Würzburg

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    1. Danke; schön, wenn du dich nach Kanada versetzt fühlst!

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  2. Du schaffst es, die Natur dank deiner Schilderung zum Leben zu erwecken, es ist spannend, voller Leben und Emotionen und auch etwas gruselig. Danke dafür!

    Grüße aus Köln von Markus

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    1. Danke für's Lesen; ich empfinde die Natur auch als sehr lebendig.

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