14.12.17

Stau durch Elch vorm Haus



Nur gut, dass ich den Winter über oben im Haus übersetze, denn heute ist der Weg zu meinem Schreibstudio blockiert: Ein halbblinder Elch steht vor dem Fenster und frisst. Sein linkes Auge ist weißlich und trübe. Er zuckt zurück, wenn die dürren Pappelzweige es berühren. 

Mitleid wallt in mir auf, eine Gedankenflut über seine Chancen bei Wolfsangriffen oder wenn er einem Grizzly begegnet. Hat er Schmerzen? Wie ist das passiert? Dann registriere ich, wie gesund er ansonsten aussieht – ein stabiler junger Kerl mit Fell, das an den Schultern hell wie Wintersonne ist – und erinnere mich an die Überlebenskraft der Wildtiere, die mir im Northern Lights Wildlife Shelter begegnet sind. Gebrochene Knochen, zerfetzte Haut; Umstände, die ein Haustier oder man selbst als Mensch kaum ertragen könnte, die von wilden Tieren aber stoisch weggesteckt und oft überwunden werden. 

Und der kleine Elchbulle mit dem milchigen Auge hat bis zum Mai noch seine Mutter als Beschützerin. Sie zwackt unten am Seeufer Pappelzweige ab, reißt ein paar Maulvoll Weidenröschenlaub aus dem zusammengeschmolzenen Schnee.

Über eine Woche herrscht schon Tauwetter mit Regen, der auf dem Schnee zu einer harten Kruste vereist ist. Es läuft sich wie auf

Crème brûlée – ein Schritt, kurzer Widerstand und krach, man bricht durch. Den Elchen, Karibus und Wölfen muss das die Fesseln wundscheuern. Meine Pfade ums Blockhaus herum sind zu einem Spinnennetz aus Gletscherfäden mutiert, auf dem ich mit Spikes unter den Stiefeln wie eine Neunzigjährige herumschleiche. Fast zwei Monate lang bin ich noch alleine, da kann ich mir keine Verstauchung leisten.

Am schwierigsten ist das Wasserholen. Meine 1km x 7km große Eisscholle, an deren Nord- und Südkanten die Wellen des offenen Sees nagen, ist glatt wie eine Schlittschuhbahn. Seit dem Gefrieren ist der Wasserpegel schon gesunken, und das glitschige Ufereis neigt sich in perfidem Winkel zur Eisplatte hinab. Auf der Eisscholle ankommen heißt es dann, beim Heraushieven der 20-Liter-Kanister nicht ins Wasserloch zu rutschen. Der Weg zurück zum Haus führt leider bergan: Ice climbing mit vollen Wasserkanistern ist angesagt. Noch nie war Wasser kostbarer als jetzt.

Mögen die Meteorologen mit ihren Kälteprophezeiungen zum Wochenende hin Recht behalten, denn der momentane Zustand ist wirklich zum Heulen.


Kommentare:

  1. So sehr ich manchmal Sehnsucht nach einem Leben wie dem Deinen habe, hatte ich gerade beim Lesen Deiner Zeilen einen Anflug von Dankbarkeit für das fließende warme Wasser im Haus und die Annehmlichkeiten des modernen Lebens, die man nur allzu leicht als selbstverständlich hinnimmt. Grüße aus Würzburg von Martina

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    1. Ja, es hat halt alles so seine Vor- und Nachteile :)

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  2. Ich habe ueberlegt, ob du nicht Regenwasser auffangen kannst zum Trinken?

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    1. Nein, dazu regnet es zum Glück nicht genug. Ist alles nicht so wild, es wird schon wieder kalt werden :)

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